Temperantia (und andere Personifikationen) mit Zaumzeug

Wortschatz Gebiss / Zaumzeug / Zügel / Trense / Kandare

Vgl. v.a. Grimm, DWB, Artikel »Zaum« und »zäumen« Bd. 31, Sp. 399–406; http://woerterbuchnetz.de/DWB/

Kandare = ›Zaumzeug zum strengen Zügeln des Pferdes‹, Entlehnung (erst im 16. Jh.) aus ungar. kantár ›Zaum‹

Lat. habenae, frenum, camus — engl. rein, bridle — frz. bride, rêne

Sachkunde

Alles über dieses Utensil steht (reich bebildert) hier: Cavallo Frenato Di Pirro Antonio Ferraro Napolitano ... Diviso in quattro Libri ... doue si tratta il modo di conseruar le Razze, disciplinar Caualli, & il modo di curargli ... Appresso Antonio Pace, 1602 (mehrmals digitalisiert)


Metaphorische Verwendung

• Biblisch

Psalm 32,9 Seid nicht wie Rosse und Maultiere, die ohne Verstand sind, denen man Zaum und Gebiss anlegen muss; sie werden sonst nicht zu dir kommen. = Ps 31 [Vg.], 9 nolite fieri sicut equus et mulus quibus non est intellegentia in camo et freno maxillas eorum constringe qui non accedunt ad te

Jesus Sirach (Ecclesiastes) 28,29 Schmelz dein Gold und Silber zusammen und mach daraus eine Waage für deine Worte, und einen rechten Zaum an deinen Mund! – aurum tuum et argentum confla et verbis tuis facito stateram et frenos ori tuo recto.

Jakobusbrief 1,26 Wenn jemand meint, er diene Gott, und hält seine Zunge nicht im Zaum (non refrenans linguam suam), sondern betrügt sein Herz, so ist sein Gottesdienst nichtig.

Jakobusbrief 3,2f. Wer sich aber im Wort nicht verfehlt, der ist ein vollkommener Mann und kann auch den ganzen Leib im Zaum halten. Wenn wir den Pferden den Zaum ins Maul legen, damit sie uns gehorchen, so lenken wir ihren ganzen Leib. — si autem equorum frenos in ora mittimus ad consentiendum nobis et omne corpus illorum circumferimus.

Vgl. Job 30,11. Jes. 37,29

• Heidnisch-antik

Vergil, Aeneis I,523: durch Recht und Gesetz zu zügeln die trotzigen Völker – gentis frenare superbas

Horaz, Epist. I,ii; V.60ff.: Regiere deine Leidenschaften! Zähme sie mit Gebiss und Kette! Denn sind sie dir nicht untertan, so sind sie deine Herren. – animum rege! qui, nisi paret, imperat; hunc fraenis, hunc te compesce catena.

Seneca, de beneficiis I,10: abrumpet frenos pudicitia (Now adultery will be more common than other sins, and chastity will tear off its reins)

Das Motiv des Zaums findet sich im Hymnus auf die Nemesis des Mesomedes von Kreta (2. Jh. u.Z.): http://poemsintranslation.blogspot.ch/2011/05/mesomedes-hymn-to-nemesis-from-greek.html

• Nachantike Literatur:

Hugo von Trimberg († nach 1313), Der Renner: muotwillen muoʒ man wider ziehen mit krumben zöumen und mit sporn.

Johann Fischart († 1591), Das philosophische Ehezuchtbüchlein, Erstausgabe 1578, darin: Plutarchi Lehr von der Kinderzucht: also gebürt auch den Eltern den herben ernst der straff mit sanfftmütiger gelinde zu vermengen; vnd zu weilen der Jugend begeren den zaum schiessen zu lassen vnnd nachzuhengen/ je der weilen wider mit Zaum vnd Zigel streng anzuziehen.

Shakespeare The Taming of the Shrew (Der Widerspenstigen Zähmung) 1590 / 1592.

Aegidius Albertinus, Der Landtstörtzer Gusman von Alfarche oder Picaro genannt 1615: Regiere das Pferdt deiner vngestümmigkeit mit dem Zaum deß verstandts.

Georg Neumark, Poet. Lustwäldchen 1652: aber zeume die gedanken mit der tugend zaum.

Johann Theodor Jablonski, Allgemeines Lexicon Der Künste und Wissenschafften, Leipzig: Fritsch 1721, Artikel »Zaum« (http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/9656240)

(Der Verweis auf Picin. bezieht sich auf die Emblem-Enzyklopädie von Filippo Picinelli, Mondo simbolico, Mailand 1653, wo Lib. XXV, Cap. xiii Frenum lupatum = Pferdegebiss mit eisernen Stacheln besetzt, die man wegen der Ähnlichkeit Wolfszähne nannte, Brechzaum abgehandelt wird.)


Die Visualisierung der Metapher bzw. des Idioms kommt in verschiedenen Verwendungszusammenhängen vor:

  • zur Versinnbildlichung der Zäumung von Kindern oder des Ehepartners (Sozialdisziplinierung) — hier sind die Figuren im Bild prototypische Vertreter von Ehepartnern; in den folgenden Fällen sind es Personifikationen (›abstractum agens‹).
  • als Attribut der Personifikation der Temperantia (moraldidaktischer Diskurs als Mäßigung sinnlichen Vergnügens)
  • als Attribut der Nemesis, der Rachegöttin, die die Stolzen unterdrückt (moraldidaktischer Diskurs)
  • als Aufforderung an Regenten, das Volk streng zu regieren (Fürstenspiegel).

Der gezügelte Ehe-Mann – Vor 1528 muss dieser Bild-Text-Verbund entworfen worden sein:

Das Büchle Memorial, das ist ein angedänckung der Tugend, von herren Johannsen vonn Schwartzenberg [1463–1528] jetzt säliger gedächtnuss, etwa mit Figuren und reümen gemacht; in: Der teutsch Cicero, Augspurg, 1534, fol. XCVIr – CXLVII [mit Holzschnitten von Schäufelein, Petrarkameister u.a.; hier in der Ausgabe von 1540].

Die junge Frau links hat ihre Arme ausgebreitet und hält in jeder Hand ein Gebiss / eine Trense eines Pferdes. Nicole Schwyzer schreibt: »Diejenige in der rechten Hand der Frau hat ein dickes gebrochenes Mittelstück, das durch ein Gelenk beweglich ist; es verspricht eine relativ weiche Wirkung auf Zunge und Laden des Pferdes. Eine weit schärfere Wirkung ist vom Mundstück der Kandare in der Linken der Frau zu erwarten; es ist eher dünn, starr und …, wobei auf die Wölbung in der Mitte noch zusätzlich ein spitziger, lilienförmiger Sporn parallel zu den Unterbäumen der Kandare, d.h. im Bild nach oben zeigend, angebracht ist.« Die ältere Frau rechts weist mit besorgtem Gesichtsausdruck und (zum Sprechen) geöffnetem Mund auf die Kandare in der Linken der Jüngeren.

Die Szene stellt ein Gespräch dar: Die Tochter fragt die Mutter um Rat, wie sie am besten ihren Ehemann zäumen soll. Die Mutter hält ein sanftes Gebiss für besser und klärt ihre Tochter darüber auf, dass bei einem Mann, der nicht durch ein ›süßes‹ Gebiss bezwungen wird, jedes andere auch nichts helfe.

Rede der Tochter (oben links; Text der Ausgabe 1534):

O muoter rath wj soll ich thon
Das ich möcht zeümen recht mein man.
Jch fürcht wölch biß jn reiß vnd kratz/
Er dring darauff mit grymm vnd dratz.
Vnd helf nit zeüm ich jn zuo leis/
Deß pästen bin ich noch nit weis.

Rede der Mutter (oben rechts; do.):

Kain bessers zeümen ich befind/
Dann mit den bisen sänfft vnd lind.
Merck den nit zwingt ain süsses biß/
Kain anders hilft/ das ist gewiß.
Da richt dich nach/ das ist mein rath/
Glaub nir dy sölchs versuochet hat.

(Unten an der Seite; do.):

Ain frummer weyser piderman/
Der helt ain erbars weib auch schon.
Die doch jr thun und lassen stelt/
Nach dem es jrem man gefelt.
Vil sänfter wort sy im offt geyt [gibt]/
Macht also frid on widerstreyt.


Johann Fischart (1546/7–1591), Das philosophische Ehezuchtbüchlein enthält als 2. Teil: »Von Ehgebürlichkeyten«, eine bunte Sammlung von Anekdoten, Beispielen, Gleichnissen, Sprichwörtern, die aus diversen Autoren exzerpiert sind. Bereits die erste Ausgabe 1587 ist mit Holzschnitten von Tobias Stimmer illustriert.

Von den Böcken/ Widern vnd Gaisen [sagt man] wann zwey einander auf eim schmalen steg bekommen [entgegenkommen]/ vnd keins meh hindersich kan/ so leget sich das ein nider/ das ander vber es hinaus springe.°
Das Bild zeigt ein Paar Eheleute, deren der Man ein zaum vnd gebiß inn der einen faust halt/ anzuzeygen/ das er mit bescheydenheit sein Weib bändigen vnd regiren solle; das Weib aber helt den apfel der Holdselikeyt/ oder eine süse Küttten inn der einen hand: anzudeuten/ das sie lieblich/ schertzlich / vnd freundlich … sein solle. Vnd doch greift der Mann zugleich an den Apfel/ vnd die Frau zugleich an den Zaum/ anzuweisen/ das es zu beyden theylen gutwillig soll zugehn.

°) Eine solche Szene wird im Hintergrund dargestellt. Quelle ist Plinius, Naturalis historia VIII, lxxvi, 201. Das Verhalten gibt dann ein eigenes Emblem ab, vgl. Reusner Emblemata Nicolai Revsneri IC. Partim Ethica, Et Physica: Partim verò Historica, & Hieroglyphica, – Frankfurt: Feyerabendt 1581, II,xxv [mit zufälligem Bild einer einzigen Ziege aus einem Tierbuch]; vgl. Henkel/Schöne, Emblemata 1967, Sp. 535f.

Das Philosophisch Ehzuchtbüchlin. Oder, Des Berümtesten vnd Hocherleuchtesten Griechischen Philosophi, oder Natürlicher Weißheyt erkündigers vnd Lehrers Plutarchi Naturgescheide Eheliche Gesaz, oder Vernunft gemäse Ehegebott, durch anmutige lustige Gleichnussen ganz lieblich getractiret Sam[m]t desselbigen auch Gründlichem Bericht von gebürlicher Ehrngemäser Kinder-Zucht. Darzu noch eyn schönes Gespräch, von Klag des Ehestands, oder wie man eyn Ruhig Ehe gehaben mag, gethan worden Straßburg 1578. — http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0007/bsb00079908/images/

Literaturhinweis: Pia Holenstein, Der Ehediskurs der Renaissance in Fischarts Geschichtklitterung. Kritische Lektüre des fünften Kapitel, Bern: Lang 1990 (Deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700, Band 10).


Temperance in einer Handschrift von 1512:

Séjour de deuil pour le trepas de Messire Philippes de Commines (hs. 76 E 13, fol. 8r), 1512, The Hague, Koninklijke Bibliotheek <Zugriff 18.08.2015>

Beschreibung bei WTF Art History: »In one hand, she holds a pair of glasses that allows her to see clearly. In her other hand she grasps the reins of a horse bridle, which fits over her head, the bit preventing her from speaking evil words. On her head she wears a timepiece and beneath her feet is a windmill, both indicating an ability to keep time and to avoid all exaggeration.«

http://wtfarthistory.com/post/46936717305/temperance#sthash.x8xRbJXO.dpuf


Temperanza bei Cesare Ripa

Iconologia. Overo descrittione di diverse imagini cavate dall'antichità, e di propria inventione trovate et dichiarate da Cesare Ripa […] Di nuovo revista. Roma: Lepido Faci, 1603 .

TEMPERANZA.
Donna la quale con la destra mano tiene un freno, con la sinistra un tempo di horologio° et a canto vi tiene un Elefante. Dipingesi col freno in una mano et col tempo nell'altra, per dimostrare l'offitio della temperanza che è di rafrenare et moderare gl'appetiti dell'animo, secondo i tempi, significandosi anco per lo tempo la misura del moto et della quiete, perché con la temperanza si misurano i movimenti dell'animo et si danno i termini dell'una et dell'altra banda, da'quali uscendo la temperanza si guasta, come i fiumi che vanno fuori delle sponde loro. L'Elefante dal Pierio°° nel 2. libro è posto per la temperanza, perché essendo assuefatto ad una certa quantità di cibo non vuol mai passare il solito, prendendo solo tanto quanto è sua usanza per cibarsi.

°) Schwingbalken einer Uhr, an dem zwei Richtgewichte hängen, mit denen die Ganggeschwindigkeit justiert werden kann.

°°) Valeriano Bolzanio, Hieroglyphica

Maschinenlesbarer Text bei http://lartte.sns.it/ripa/testo/index.php


Rafael de Urbino († 1520), Temperantia mit Zügel (Vaticano, Stanza della Segnatura)

http://www.wga.hu/art/r/raphael/4stanze/1segnatu/4/4virtue.jpg


Johann Sadeler fertigt 1579 einen Kupferstich, auf dem die RATIO ein Zaumzeug emporhält; vor ihr liegt ein mit VIOLENTIA bezeichneter Faun mit einer Keule in der Hand:

http://www.virtuelles-kupferstichkabinett.de/zoomed.php?signatur=18703


Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe verwenden die Personifikation der Temperantia (mit Zaumzeug und Winkelmaß) im Emblem mit dem Lemma

Serva modum (Wahre das Maß!)

Epigramm: Die Leidenschaft weiss – wenn sie vom Glück angehaucht wird – das Maß nicht zu wahren und dem Gefühl Zügel anzulegen (fraena tenere).

Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim/Utrecht 1611/1615, II,35; unter dem Titel: Sinn-Bilder, hg. Carsten-Peter Warncke (Bibliophile Taschenbücher 378), Dortmund 1983.


Nemesis

Die Nemesis wird ebenfalls mit dem Attribut Zaumzeug/Zügel dargestellt.

Bekannt ist der Stich von Dürer (um 1501/1502), wozu es sicher viel Forschungsliteratur gibt:


Auf der Anthologia Graeca beruht das Emblem von Andrea Alciati (bereits in der ersten Ausgabe 1531; dort steht die Figur noch auf einem Rad und ist geflügelt, was beides spätere Illustratoren weggelassen haben):

(Hier in der Ausgabe Lyon 1550, aus: http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A50a027)

EMBLEMA LXXI. Nec verbo nec facto quenquam laedendum.

Assequitur Nemesisque virum vestigia servat.
Continet & cubitum, duraque frena manu.
Ne malè quid facias, nève improba verba loquaris
Et iubet in cunctis rebus adesse modum.

In der Übersetzung von Jeremias Held (1567):

Man sol niemand weder mit Wort noch That beleidigen.

Die unbarmhertzig Göttin der Rach
Volgt dem Menschen auff dem Fuß nach
Den Arm hebt sie mit einer Handt
In der andern ein Zaum und Bandt
Damit gibt sie uns zu verstohn
Das keiner soll sein nechsten thon
Bleidigen weder mit that noch mundt
Sonder halt maß zu aller stundt.


Der Fürst regiert

Das Emblem hat als Lemma Regit et corrigit. Das Thema des Kapitels ist: Der Fürsten beruf/ ist gericht zu halten/ Das böse zu straffen/ und alles wol verwalten. (Die Metaphorik des Zaumzeugs wird im Text selbst nicht wieder aufgenommen.)

Diego de Saavedra Fajardo (1584-1648), Idea de vn principe politico christiano rapresentada en cien empresas ... Erstausgabe 1640. – Hier aus: Ein Abriss eines Christlich-Politischen Prinzens In CI. Sinnbildern und mercklichen Symbolischen Sprüchen, Amsterdam: Johan Janssonio, dem Jungerem 1655, Symbolum XXI.


Verwendung als Signet

Theodosius und Joais Rihel in Straßburg verwenden die Temperantia / (geflügelte) Nemesis, (angereichert mit einem Winkelmaß) in den 1550er und 60er Jahren als Druckermarke. Gezeichent hat sie u.a. Tobias Stimmer (1539–1584):

http://www.zeno.org/Kunstwerke/B/Stimmer,+Tobias%3A+Temperentia

Vgl. das Titelblatt zu In Hoc Volvmine Continentvr Valerii Cordi Simesusij Annotationes in Pedacij Dioscoridis Anazarbei De medica materia libros V, Straßburg: Josias Rihel 1561:

http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/3542825


Literatur:

  • Nicole Schwyzer: Der gezügelte Mann – Symbol für Weibermacht oder Inszenierung von Affektkontrolle? in: Unmitte(i)lbarkeit. Gestaltungen und Lesbarkeit von Emotionen, (Schriften zur Symbolforschung, Band 15), Pano-Verlag, Zürich 2005, S.419ff.
  • Bei Iconclass unter: 11M42 Temperance, 'Temperantia'; 'Temperanza'

P.Michel August 2015 --- 680

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