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Tugend-Allegorien als Kompositwesen

Anhand von Allegorien können die 7 Hauptlaster (superbia = inanis gloria; invidia; ira; tristitia = acedia; avaritia; gula; luxuria) bzw. Tugenden (Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung; Glaube, Liebe, Hoffnung) memoriert werden.


Reinmar von Zweter:

Eine frühe Fassung (nur Text, noch ohne Bild) eines solchen Kompostiwesens findet sich bei Reinmar von Zweter (Spruch Nr. 99 und 100)

Unt solt ich mâlen einen man,
dêswâr, den wolt ich machen harte wunderlîch getân,
daz er doch hieze ein man: ich mâlte sîn niht als man manegen siht.
Er müeste strûzes ougen haben
und eines cranches hals, dar inne ein zunge wol geschaben,
und zwei swînes ôren: lewen herze des vergaeze ich niht.
Ein hant wolt ich im nâch dem arne mâlen;
an der andern wolt ich niht entwâlen,
ich wolt si bilden nâch dem grîfen,
dar zuo die vüeze als einem bern:
sus wolt ich ganzes mannes wern:
swer des niht hât, von dem mac manheit slîfen.

Strûzes ougen sol ein man
durch lieplich angesihte gegen den sînen gerne hân,
unt eines cranches hals durch vürgedenken, waz er sprechen müge.
Sîn zunge sol im sîn geschaben
durch wort gar âne vlecken: der sol er gern unt sol ouch haben
durch hoeren swînes ôren, wâ im ze stân od aber ze vliehen tüge.
Lewen herze durch wer, ein hant nâch dem arne,
die sol er hân durch milte, niht ze sparne:
die nâch dem grîfen durch behalden,
berenvüeze vür den zorn; alsô hân ich den man erkorn:
swelch man daz hât, der mac wol manheit walden.

Kommentar

  • Straußen-Augen: der strûz mit sînen ougen rôt drî tage an sîniu eiger siht, des werden ûz gebrüetet die. […] mit der bezeichenunge sint wir von der helle erloeset hie (Der MARNER XV,15).
Der strûz drî tage gît sîn gesiht den eiern dar, dâ von sîn junge gewinnet leben. […] Daz bîspel nemet wol mit ganzem glouben war: dô got mit freuden was umbgeben, am dritten tage wart er uns sihtic an. (Meisterlieder der Kolmarer Handschrift, hg. K.Bartsch 1862, XXXIV. Str. 3).
... sinü eiger der strûz diu brüetet er wunderlichn ûz, wan der hat solhe phliht, daz er mit stæter gesiht an siniu eiger sihet. […]. Sus kan er si bedenken unde hilfet in genesen, von tode bi dem leben wesen. Die nature hat alle vrist der vil süeze ihesus crist: mit der erbermde ougen schouwet er uns tougen, steteclich siht er uns an (HUGO VON LANGENSTEIN, »Martina« 188,45ff.)
Der strûz sine jungen, so man seit, bruet mit den ougen; merket an disen sachen: Ein herre solte ze allen ziten […] werde ritter minnen, er solte der milte bi gestan (Meister STOLLE, van der Hagen, Minnesinger III,5, Nr.12)
  • Kranich-Hals: Din kel des krenches lenge sol haben âne krenke, daz wort sol mit gedrenge sich enthan, unz manz vil wol bedenke, ob ez frumen oder schaden bringe (ALBRECHT VON SCHARFENBERG, »Jüngerer Titurel«, Strophe 1896).
  • Schweins-Ohren: REINMAR VON ZWETER, Spruch 164: Ein voller mensch vünf sinne hât, […] sehen hoeren, grîfen, riechen, smecken […]. Nû habent die sinn vünf wildiu tier, ir ieslîchez einen, unt hât den vürbaz denne wir: der luhs, daz swîn, diu spinne, der gîr, der aff […]. daz swîn wol hoert ze walde, […].
THOMAS CANTIMPRATENSIS, Liber de natura rerum IV,i,190ff: Homo in quinque sensibus superatur a multis: […] liquidius audiunt talpe vel aper silvaticus; nos aper auditu […] precedit.
  • Löwen-Herz: der Löwe als Repräsentant von Kraft und Mut bei REINMAR öfters; Heraldik! vgl. WALTHER VON DER VOGELWEIDE 12,24f: ir tragt zwei keisers ellen, des aren tugent, des lewen kraft, die sind des hêrren zeichen an dem schilte…
  • Adler-Hand: ,milte' (largitas, Freigiebigkeit) als des Adlers Tugend, vgl. in einer Predigt (hg. Wackernagel, Z f d A 7, 1849, 141): Do lesent wir also von dem adelar daz er also erber ist vnd also milte daz er sine spisele lot gemeyn andern vogeln vnd den wol gan daz siu mit ime eszent.
»König Rother« Vers 4979ff: Daz ich gerne min guot same der edele arn tuot wil teilin geliche armin vnde richen.
  • Greifen-Hand: Das Zupacken der Greifenklaue ist sprichwörtlich. So schreibt BURKART VON HOHENFELS über Minne-Fesseln: diu bant hânt die kraft gewunnen, daz siu bræche niht des grîfen klâ (KLD 6; IX,iii,9f).
Greifen gelten als Hüter von Gold- und Edelsteinschätzen vgl. WOLFRAM, Parzival 70,20 über Gahmurets Waffenrock: mit golde er gebildet was, daz zer muntâne an Kaukasas ab einem velse zarten grîfen klâ, diez dâ bewarten und ez noch hiute aldâ bewarn.
RUDOLF VON EMS in der Weltchronik: dâ ligent berge guldîn, die nâch golde liehten schîn hânt. grîfen noch tracken nieman lânt daz selbe golt gewinnen dâ.
  • Bären-Füße: Daß er nicht gar schnell lauffen kan / ist die Ursach / weil er / wie der Mensch seine Gelenck und Gleychwürbel hinder sich lencket und auch die Gauffen oder innwendige Fläche an seinen Tatzen fleischlich ist (CONRAD GESNER, Allgemeines Thier=Buch, Ausgabe Frankfurt/M. 1669, S.26).
Übersetzung und Erklärungen in dem vorzüglichen Aufsatz von Isabell van Ackeren, Essen: www.perspicuitas.uni-essen.de/aufsatz/ackeren.pdf

Ulrich von Hutten

Eine Allegorie des tugendhaften Mannes (vir bonus) erscheint sodann in einem Tratktächen von Ulrich von Hutten (1488-1523), das 1513 in Erfurt erschien.

Die einzelnen Gliedmaßen haben je eine allegorische Bedeutung, die u.u. auf der Tier-›Symbolik‹ des Physiologus und der Bestiare beruht:

  • Wie der Eber den Wuchs der Wiesen erlauscht, so fasst sein Ohr das verkündete Wort
  • Die blühenden Lilien, die auf der einen Seite aus dem Munde entsprießen, besgen, dass seine Rede das Größte zutage fördert.
  • Das Schwert auf der andern Seite bezeugt, dass er für das Recht einsteht.
  • Der Schwanen- oder Schlangenhals zeigt an, dass der vir bonus nichts unbedacht spricht (es dauert ja eine Weile, bis ds Wort aus der brust bis zum Mund gelangt...).
  • Die Löwenbrust steht für den Trotz.
  • Die den Beutel verschließende und die Münzen spendende Hand bedeutet, dass er weder zu verschenderisch noch zu knauserig ist. Usw.
Lat. Text in: Ulrichs von Hutten Schriften, Hrsg. von Eduard Böcking, Bd. 3.: Poetische Schriften, Neudruck der 1859 - 1861 bei B.G. Teubner erschienenen Ausgabe: Aalen: Zeller, 1963.
Deutscher Text in: Ulrich von Hutten's Jugend-Dichtungen, didaktisch-biographischen und satyrisch-epigrammatischen Inhalts. Zum erstenmal vollständig übersetzt und erläutert von Ernst Münch. 2.Ausg., Schwäb. Hall: Haspel, 1850 [ohne Bild]

Genau gleich fiunktionieren die Lasterallegorien


Literaturangaben:

Fritz Saxl, Aller Tugenden und Laster Abbildung, Festschrift J.Schlosser, Wien 1927.
Adolf Katzenellenbogen, Allegories of the virtues and vices in medieval art from early Christian times to the thirteenth century. London 1939 (Studies of the Warburg Institute, 10). (Nachdruck 1968)
Michael Curschmann, Facies peccatorum - Vir bonus: Bild-Text-Formeln zwischen Hochmittelalter und früher Neuzeit. In: Poesis et pictura. Studien zum Verhältnis von Text und Bild in Handschriften und alten Drucken. Festschrift für Dieter Wuttke zum 60. Geburtstag, hg. von Stephan Füssel und Joachim Knape. - Baden-Baden 1989 (Saecula spiritalia. Sonderhd.), S. 157-189.
Christoph Gerhardt, Reinmars von Zweter 'idealer Mann', in: PBB 109 (Tübingen 1987), S. 51–84 und 222–251.

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