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Endlich, was läßt sich nicht alles allegorisieren!
(Lessing, Abhandlung über die Fabel, 1759)

Zufallsandachten

Aus jedem Ding (im Sinne der res der alten Hermeneutik), aus jedem Lebewesen, aus jeder Handlung usw. lässt sich mittels Allegorisierung eine Moral ziehen.

Christian Scriver. Gottholds zufällige Andachten EA: Magdeburg: Johann Müller, 1663 – Hier nach: Christian Scriver. Gottholds zufälliger Andachten Vier Hundert. Bey Betrachtung mancherley Dinge der Kunst und Natur / in unterschiedenen Veranlassungen zur Ehre Gottes / Besserung des Gemüths / und Ubung der Gottseligkeit geschöpffet / Auffgefasset und entworffen / auch ietzo abermahl übersehen / hin und wieder verbessert / mit einem reichern Register / auch einer neuen Anweisung / wie sie in Erklärung der Sonn- und Festtäglichen Evangelien und Episteln zu gebrauchen /versehen / Und zum fünfften mahl ausgefertiget von M. Christian Scriver / Pfarrern bey der S.Jacobs-Kirchen in der Alten Stadt Magdeburg. Mit Chur-Fürstlicher Sächsischer Freyheit. Leipzig, Verlegt durch Johann und Friedrich Lüderwald 1683. – Das andere Hundert, XI.

Die Ruder=Knechte.

Gotthold sahe etliche Schiff-Leuthe in einen Both treten/ um über einen schiffreichen Fluß zusetzen/ da denn ihr zween sich an die Ruder machten/ und gewohnter Art nach/ den Rücken nach dem Ufer wandten/ da sie hingedachten/ einer aber blieb am Steuer stehen/ und hatte das Angesicht auff den Ort/ da sie anländen wollten/ unverwandt gerichtet/ und also schifften sie geschwind dahin. Sehet hie/ sprach er zu denen/ die um ihn waren/ eine gute Erinnerung von unser Arbeit und Geschäfften. – Dis Leben ist ein schneller und gewaltiger Strohm/ der von Zeit zu Zeit in das Meer der Ewigkeit verfleust/ und nicht wieder kehret; Auff diesem Strohm hat jedweder das Schifflein seines Beruffs/ welches mit den Rudern fleißiger Arbeit fortgebracht wird. Da sollen wir nun/ wie diese Leute/ den Rücken dem Zukünfftigen zuwenden/ und in gutem Vertrauen zu GOtt/ der am Ruder stehet/ und das Schifflein dahin krafftiglich lencket/ wo es uns nütz und selig ist/ nur fleißig arbeiten/ und im übrigen unbekümmert seyn: Wir würdens lachen/ wenn wir sehen würden/ diese Leute sich umwenden/ mit Vorgeben/ sie könten so blinderlings nicht fahren/ sie müsten auch sehen/ wo sie hinkämen: Was ists denn vor eine Thorheit/ daß wir alles Zukünfftige/ und was vorhanden ist / mit unsern Sorgen und Gedancken wollen erreichen? – Laßt uns rudern und arbeiten und beten; GOtt aber lasset steuren/ gesegnen und regieren. Mein GOtt! bleibe ja bey mir in meinem Schifflein/ und lencke es nach deinem Wolgefallen/ ich will mein Angesicht auf dich wenden/ und nach dem Vermögen/ das du darreichest/ fleißig und getreulich arbeiten/ das übrige wirst du wohl machen.

Genealogie:

Joseph Hall (1574–1656), »Occasionall Meditations« (1630) werden imitiert von Georg Philipp Harsdörffer, »Nathan und Jotham/ das ist Geistliche und Weltliche Lehrgedichte« (1650) II, 60.Lehrgedicht [Neudr. der Ausg. Nürnberg 1659, hg. und eingeleitet von Guillaume van Gemert, Frankfurt am Main: Keip, 1991; hier II, S.98ff.] Daher kennt Scriver zugegebenermaßen die Technik. — Ein Nachfolger ist: [Ahasverus Fritsch, 1629–1701] Gottlobs Hundert sonderbare Zufällige Andachten, Bey Unterschiedlichen Begebenheiten abgefasset, Und Zu hoffender Erbauung des Neben-Christen schuldigst mitgetheilet, Franckfurt und Gotha: Boetius 1684, 2. Leipzig Auflage 1700 [erweitert auf 500 Andachten]; 3. Aufl. 1715.

Interessanterweise kommt das Verfahren nicht nur in Andachtsliteratur vor. Hier eine Stelle aus einer durchaus weltlichen enzyklopädie-ähnlichen Schrift:

Der geflügelte Fisch.

Dieser Fische hat Plinius bereits gedacht und sie mit dem Nahmen Hirundo marina, Meer=Schwalbe beleget. Man findet sie heut zu Tage sehr häuffig bey der Cap de bonne Esperance wie auch in America. Sonderlich hat man deren bereits zwey Arten angemercket/ etliche/ die nur so groß als ein Heering sind/ aber lange und harte Floß=Federn wie Flügel haben; Andere sind grösser und dicker/ haben kleinere Flügel. Beyde mögen doch über 100. Schritte nicht fliegen/ und diese Kraft hat der gütige Schöpffer ihnen beygeleget/ den Rauberischen Fischen/ die sie stets verfolgen zu entgehen/ wie wohl sie dabey noch nicht gantz in Sicherheit gebracht sind/ weil sie öffters den Raub=Vögeln in die Klauen fallen. – Es ist dieser Fisch ein Sinn=Bild/ so herrlich als eines seyn kan/ derjenigen Welt=Christen/ die eine Empfindung des Lebens/ das in GOtt ist/ bekommen haben/ aber die Welt noch nicht gantz verlassen können/ daher sie in Gefahr unter den Fischen im Wasser/ das ist/ unter den ruchlosen Welt=Kindern sind/ wenn sie es noch mit der Welt halten/ und in neuer Gefahr vor den Raub=Vögeln/ das ist/ Ketzern und Schwärmern/ wenn sie sich über sich in den Himmel der wahren Christen erheben wollen.

[Paul Jacob Marperger (1656 – 1730)], Des Geöffneten Ritter-Platzes Dritter Theil, Worinnen die Ausführung der noch übrigen galanten Wissenschafften, Besonders was bey Raritäten- und Naturalien-Kammern, Berg-Wercken, Kauffmanschafft und Handlungen, Manufacturen, Künsten und Handwercken, Hauptsächliches und Remarquables zu bemercken vorfället, Welchen beygefügt Eine Curieuse Nachricht von Erfindungen und Erfindern der Wissenschafften, Künste und Handwercken, Hamburg: Benjamin Schiller 1707; Geöffnete Raritäten= und Naturalien=Kammern, II. Capitel, 5 (S. 86).

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