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Funktionen der Buntschriftstellerei

Die Funktionen der buntschriftstellerischen Texte müssen aufgrund ihrer Paratexte und von Reflexen in sie zitierenden Texten rekonstruiert werden; vielleicht stößt einmal jemand auf Schulordnungen, in denen Anweisungen zu deren Verwendung stehen. Dabei wird man unterscheiden müssen zwischen einzelnen Benutzergruppen: die Höfe mit ihrem notorischen Problem, die Langweile vertreiben zu müssen – die Bürger mit ihrer Bildungsbeflissenheit – Studenten mit einer Neigung zum Jux – u.a.m.

Beim Wort Acerra handelt sich um einen metaphorischen Buchtitel; das Wort bedeutet »Kästgen, worinne der Weyhrauch … aufbehalten wurde«. Gotthard HEIDEGGER erläutert im Vorbericht die Metapher, woraus man einen Hinweis für den Gebrauch des Buches entnehmen kann: Es ist im Altertum Brauch gewesen, zur Mahlzeit den Gästen mit anmutigen Gerüchen aufzuwarten. Das dazu verwendete Rauchwerk hat man in einem Trühlein / oder in einer Schale und Gefäß, das man ACERRA nannte. Wenn der Leser sein Gemüt (im normalen Schulunterricht) mit solider Nahrung gesättigt habe, so wird ihm in diesem Buch gleich als zu einer unschuldigen Kurtzweil und ergetzlichem Rauchwerk auch die Philologische Studia, ich wil sagen eine etwelche Wissenschaft der heydnischen Antiquitæten / Fablen / Geschichten / Spitzfündigkeiten / Irrthümern / Disputationen etc. aufgesetzet.

Aufgrund des Titels der Laurembergschen Sammlung würden wir so ein Unternehmen heute als ›Edutainment‹ bezeichnen; da heißt es programmatisch: Nützliche / lustige und denckwürdige / Historien und Discursen / Aus den berühmtesten Griechischen und Lateinischen Scribenten zusammen getragen [...] Allen Liebhabern der Historien zur Ergetzung / insonderheit der studierenden Jugend zu mercklicher Ubung und Wissenschafft beförderlich.

[Peter Lauremberg (1585–1639)], Acerra philologica: Das ist: Zwey hundert außerlesene, nützliche, lustige und denckwürdige Historien und Discursen, zusammen gebracht auß den berühmsten griechischen und lateinischen Scribenten, Rostock: Hallerfordt 1633 [und Erweiterungen in Neuauflagen].
[Gotthard Heidegger (1666–1711)] Acerra philologica nova, repurgata, aucta, das ist, Sieben Hundert merckwürdige Historien und Discursen: Theils auss den vorigen Editionen der so genannten Acerra philol. und ihren Zusätzen aussgelesen, verbessert, mit vilfältigen Anmerckungen bereichert [...], Zürich: Gessner 1708.

Buntschriftsteller speisen die höfische Konversation. So heißt es in einem Ratgeber für junge Adlige:

Da er [sc. der junge Hof-Mann] weiß, daß ein nothwendig Stück eines Hof-Manns sey, einen vernünfftigen und manierlichen Discours zu führen, um sich bey der Herrschafft, bey den Dames, bey den Ministres, und allenthalben gefällig zu erweisen, so befleißiget er sich solcher Erzehlungen, Curiositæten und Merckwürdigkeiten, die entweder neu, oder doch sonst anmuthig und sonderbahr sind. Zu dem Ende unterhält er, daferne es seine Umstände erstatten wollten, einige Correspondence, er lieset unterschiedene in der teutschen oder ausländischen Sprache geschreibene Memoires, Journalen, Reisebeschreibungen, Poesien, u.s.w. damit er bey Gelegenheit in seiner Conversation eines und das andere mit anbringen kan, und nicht nöthig habe, bloß von Hunden, von Pferden, neuen Moden, l’hombre-Spielen zu reden, oder sich über andre Leute aufzuhalten, oder über einen und andern Punct, so er in den Zeitungen gelesen, einige abgeschmackte Glossen zu machen.

Es wäre eine gar nützliche Arbeit, wenn Hofmeister und Väter [...] junge Leute von Jugend auf anführten, daß sie aus der Acerra Philologica, oder einem anderen historischen Buch eine etwas weitläuffige Geschichte in guter Ordnung und ohne Anstoß her erzehlen lernten.

Julius Bernhard VON ROHR, Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft der Privat-Personen: Welche Die allgemeinen Regeln, die bey der Mode, den Titulaturen, dem Range, den Complimens, den Geberden, und bey Höfen überhaupt, als auch bey den geistl. Handlungen, in der Conversation, bey der Correspondenz, bey Visiten, Assembleen, Spielen, Umgang mit Dames, Gastereyen, Divertissemens, Ausmeublirung der Zimmer, Kleidung, Equipage u.s.w. ; Insonderheit von einem jungen teutschen Cavalier in Obacht zu nehmen, vorträgt, Einige Fehler entdecket und verbessert, und sie hin und wieder mit einigen moralischen und historischen Anmerckungen begleitet, Berlin: Rüdiger 1728; I. Theil, 8. Capitul = S. 232f. — Ders. im Kapitel Von der Conversation II, 2 = S. 288.

MONTESQUIEU fingiert in seinen »Lettres Persanes« (1721) ein belauschtes Gespräch zweier Höflinge zum Thema der Konversation, in dem der Gedanke aufkommt, man müsse Bücher kaufen, die ganze Sammlungen von Bonmots enthalten, welche zum rechten Gebrauch für díe gemacht sind, welche keinen Geist haben, aber welchen nachmachen wollen.

G. Heidegger sieht den Nutzen der Acerra ebenfalls so: daraus mancher ein wenig discurriren lehrnen kan / damit er nicht als ein Stein auf Stein / oder Holtz auf Holtz / in den Conversationen sitzen müsse (Vorbericht zur Acerra).

Werke von Buntschriftstellern dienen in Debattier-Klubs dazu, Themen zu finden. Ein hübsches Beispiel findet sich just in der Stadt Zürich. Hier gab es das »Kollegium der Wohlgesinnten«, eine frühaufklärerische Sozietät, ein herrschaftsfreier Raum, in dem man verschiedenste Dinge diskutierte. Da wurde am 15. Februar 1698 unter Salomon Hirzel unter anderem darüber diskutiert, Ob Christus an der hochzeit zu Cana daß wasser in weißen oder rothen wein verwandlet habe. Das tönt originell, entspringt aber der Acerra (III, 68): Was für Wein Christus aus Wasser gemachet / zu Cana auf der Hochzeit? – Daß es rother / und nicht weisser Wein gewesen / könte man aus vielen Gründen beweisen. Zwar habe ich niemals bey keinem davon etwas gelesen / wil doch anzeigen / was mir hierüber wol für diesem eingefallen? [...]

Michael KEMPE / Thomas MAISSEN, Die Collegia der Insulaner, Vertraulichen und Wohlgesinnten in Zürich 1679–1709. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung 2002. – Der Beleg auf S. 385.

Buntschriftsteller sind in bürgerlichen Familien die ersten Lesestoffe für Kinder. Karl Philipp MORITZ schreibt im »Anton Reiser« (1785): Nun aber bekam er selbst mit Bewilligung des Herrn von F[leischbein] ein Buch in die Hand, das ihn wieder in eine ganz andre und neue Welt führte. Es war die Acerra philologica. Hier las er nun die Geschichte von Troja, vom Ulysses, von der Circe, vom Tartarus und Elysium und war sehr bald mit allen Göttern und Göttinnen des Heidentums bekannt. Bald darauf gab man ihm auch den Telemach ebenfalls mit Bewilligung des Herrn von F[leischbein] zu lesen, viel leicht weil der Verfasser desselben, Herr von Fénelon, mit der Madam Guion Umgang hatte. Die Acerra philologica war ihm zur Lektüre des Telemach eine schöne Vorbereitung gewesen, weil er dadurch mit der Götterlehre ziemlich bekannt geworden war und sich schon für die meisten Helden interessierte, die er im Telemach wiederfand.

Karl Philipp Moritz, »Anton Reiser« (1785), Ausgabe von Wolfgang Martens, Stuttgart 1972 (Reclams Universalbibliothek 4813), S. 26

GOETHE schreibt in »Dichtung und Wahrheit«, 1. Teil, Buch 1: Man hatte zu der Zeit noch keine Bibliotheken für Kinder veranstaltet. Die Alten hatten selbst noch kindliche Gesinnungen und fanden es bequem, ihre eigene Bildung der Nachkommenschaft mitzuteilen. Außer dem »Orbis pictus« des Amos Comenius kam uns kein Buch dieser Art in die Hände; aber die große Foliobibel, mit Kupfern von Merian, ward häufig von uns durchblättert, Gottfrieds »Chronik«, mit Kupfern desselben Meisters, belehrte uns von den merkwürdigsten Fällen der Weltgeschichte; die »Acerra philologica« tat noch allerlei Fabeln, Mythologien und Seltsamkeiten hinzu; und da ich gar bald die Ovidschen »Verwandlungen« gewahr wurde und besonders die ersten Bücher fleißig studierte, so war mein junges Gehirn schnell genug mit einer Masse von Bildern und Begebenheiten, von bedeutenden und wunderbaren Gestalten und Ereignissen angefüllt, und ich konnte niemals lange Weile haben, indem ich mich immerfort beschäftigte, diesen Erwerb zu verarbeiten, zu wiederholen, wieder hervorzubringen.

GOETHE, Hamburger Ausgabe, Band IX (1955), S. 35.

Die Abwehr dessen, was man später Schundliteratur nannte, ist noch im 18. Jahrhundert Aufgabe der Buntschriftstellerei. Bei Gottlieb Conrad PFEFFEL (1736–1809) finden sich im Vorbericht zum »Historischen Magazin für Verstand und Herz«, Straßburg 1764 (und weitere Auflagen) Sätze wie:

[Das Magazin] liefert eine Reihe ausgesuchter Anekdoten, Züge von Tugenden und Lastern, witziger Einfälle und seltener Begebenheiten aus der älteren und neueren Geschichte aller Völker, welche die Aufmerksamkeit beider Geschlechter reizen, dieselben von der albernen und zum Theil gefährlichen Lectüre der Romane und Gespenstergeschichten abziehen und ihr Gedächtniß mit einer Anzahl wahrer Geschichten anfüllen. eine Lectüre dieser Art bildet und verfeinert unmerklich den Geschmack, indem sie den Geist belustigt, sie gibt […] den Eltern oder Lehrern Gelegenheit zu nützlichen Erklärungen, befördert dadurch das Studium der Geschichte, der Chronologie und der Geographie, und befestigt hauptsächlich in den herzen der zarten unverdorbenen Jugend den Grund von Sittlichkeit und allen gesellschaftlichen Tugenden durch die ausgesuchtesten Beyspiele der Vorwelt.

Ein vehementer Gegner der sittenverderbenden Romane war Gotthard HEIDEGGER (vgl. seine «Mythoscopia Romantica«).

Gottlieb Conrad PFEFFEL Vorbericht zum »Historischen Magazin für Verstand und Herz«; mir war nur die 8. Auflage von 1823 zugänglich.

Die Texte der bunten Sammlungen möchten auf die Quellen selbst hinführen (›Appetithäppchenfunktion‹). So schreibt Heidegger in der Vorrede: So ist auch zuhoffen / es werde etwan einer oder anderer / der diese abgeleitete Brünnelein gekostet / den Lust gewinnen sich an die Quellen selbst / an die so herrliche Authores des scharffsinnigen Alterthums / zumachen.

Surrogatfunktion: Die von den Buntschriftstellern dargebotenen Exzerpte dienen Leuten, die durch Berufsgeschäfte in Anspruch genommen sind, sich wenigstens vor dem gerechten Vorwurf schimpflicher, roher Unwissenheit zu bewahren (... homines aliis iam vitae negotiis occupatos a turpi certe agrestique rerum atque verborum imperitia vindicarent schreibt schon Aulus Gellius, 2. Jh. u. Z., Vorrede zu den »Noctes Atticae«, § 12).

Die Buntheit soll es ermöglichen, verschiedene Leserschaften zu bedienen, vgl. das Motto auf Heideggers Titelblatt: In eodem prato bos herbam quærit, canis leporem, ciconia lacertam (Auf derselben Wiese sucht das Vieh Gras, der Hund den Hasen, der Storch eine Eidechse. aus Seneca, ep. 108,29, wo das Thema entfaltet ist, dass ein und derselbe Text ja nach Interesse des Lesers einen anderen ›Sinn‹ ergibt).

Johann Friedrich Justin BERTUCH rechtfertigt in seinem »Bilderbuch für Kinder« (1792/1830) die unsystematische Darbietung des Stoffs mit pädagogischen Gründen: Dass die Kupfer ohne alles anscheinende System und Ordnung mit möglichster Abwechslung und Mannigfaltigkeit, und so wie sie die Natur in der Welt selbst gewöhnlich dem Auge darbietet, auf einander folgen, ist durchaus nöthig. Ein Kind, das so bald über einerley Gegenstände ermüdet, Minuten-schnell in seinen Vergnügungen wechselt, äusserst lebhaft ist, immer was neues und anderes sehen will, kann unmöglich eine systematische Folge von vielen Platten mit einerley oder sich doch sehr ähnlichen Gegenständen, z.E. lauter Fische, Vögel, Insecten, menschliche Trachten u.s.w. aushalten, ohne zu ermüden und das Vergnügen verliehren. Daher habe ich die krellste und bunteste Mischung der Gegensände gemacht, und bitte nur immer, wenn man mich desshalb tadeln wollte, zu bedenken, dass ich es mit Kindern zu thun habe, die ich blos amüsiren will. (Vorwort zum ersten Band)

Dies Sammlungen sind Material-Lieferanten für Prediger. Jacob Daniel ERNST (1640-1707), käys. gekr. Poet. und Pred zu Altenburg in Meissen schreibt in der Vorrede seiner »Auserlesene[n] Denckwürdigkeiten« (1693):

Was mein Absehen diesem Wercke sey / kan ein Verständiger leicht begreiffen. Ich ziehle fürnehmlich darauff / wie eine ziemliche Anzahl Bieblischer Sprüche / mit anmuthigen Gleichnüssen / feinen Allegorien / beweglichen Exempeln / und dergleichen einem Prediger und andern Redner anständigen Sachen / mögen beleuchtet werden. Woraus denn gute Erfindung / bequeme Eingänge / zierliche Amplificationes oder Erweiterungen / erwachsen / welches der kluge und fürsichtige Gebrauch gnugsam bestätigen wird. – Das Buch enthält ein nach den Sonntagen des Kirchenjahrs geordnetes Register darinnen Anweisung geschicht / wie unterschiedene Historien der Erläuterung etlicher Evangelien / wie auch zum Beweiß ungezwungen gebraucht werden können.

Elfriede MOSER-RATH, Predigtmärlein der Barockzeit. Exempel, Sage, Schwank und Fabel in geistlichen Quellen des oberdeutschen Raumes, Berlin: de Gruyter 1964 (Fabula Supplement-Serie 5)

Dichter des 17. Jahrhunderts bedienen sich der Stoffe aus Buntschriftstellern, ein berühmtes Beispiel ist Grimmelshausen. Noch SCHILLER hat den Stoff zur Ballade »Die Bürgschaft« (1798) bei Lauremberg (I, 52) lesen können: Exempel einer wahren getreuen Freundschaft zwischen Damon und Pythias.

Gunther WEYDT, Nachahmung und Schöpfung im Barock. Studien um Grimmelshausen, Bern 1968.
Ferdinand RIESER, »Des Knaben Wunderhorn« und seine Quellen. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Volksliedes und der Romantik, Dortmund 1908; Reprint Hildesheim: Olms 1983.


letztes Update. P.Michel, 1. Juni 09



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