Pia Holenstein Weidmann / Michael Kotrba (ZB) / Paul Michel

Lycosthenes-Kolloquium

Sommersemester 2005

Diese Website wurde im Oktober 2012 und Februar 2015 ein bisschen à jour gebracht.

Der Reprint mit einem Nachwort von Paul Michel / Pia Holenstein Weidmann, ist im Olms-Verlag erschienen, Hildesheim: 2007 (ISBN: 978-3-487-13428-4)

Conrad LYCOSTHENES (graezisiert aus WOLFFHART), 1518 im Elsaß geboren, studierte in Heidelberg und war seit 1542 Professor für Grammatik und Dialektik in Basel, wo er 1561 starb. Er gehört in die Reihe der bedeutenden polyhistorisch Gelehrten des 16. Jahrhunderts. Sein Schaffen lässt sich charakterisieren als: sammeln, das Tradierte ergänzen und kommentieren.

Zwei Themenbereiche umfasst es: (a) die enzyklopädische Verfügbarmachung des Sentenzen-Schatzes aus Antike und Humanismus sowie (b) die Zusammenstellung von wunderbaren Vorzeichen.

(a) Er gibt – angeregt von des Erasmus wegweisenden Samlungen – mehrere Sentenzsammlugen heraus: Stobaeus, Enea Silvio, Ravisius Textor, des Erasmus Parabolae, und schließlich 1555 eine eigene Sammlung von Apophthegamata. Die handschriftlichen Notizen erbte sein Stiefsohn Theodor Zwinger, der sie dann mehrmals in immer umfangreicheren Editionen herausgab (Theatrum vitae humanae, Basel 1565 u.ö.).
(b) Das 16. Jahrhundert ist gebannt von der Vorstellung, dass sich das Eingreifen Gottes in Vorzeichen – Naturkatastrophen, Missgeburten, Kometen – ankündigt; eine zeittypische Kontingenzbewältigungsstrategie.

Lycosthenes ediert und ergänzt 1552 das Prodigienbuch des spätantiken Autors Julius Obsequens, das seit der Editio Prionceps 1508 im Anhang von Pliniusbriefen ein Schattendasein geführt hat:

Iulii Obsequentis prodigiorum liber, ab urbe condita usque ad Augustum Caesarem, cuius tantum extabat fragmentum, nunc demum Historiaru[m] beneficio, per Conradum Lycosthenem Rubeaquensem, integritati suae restitutus. Polydori Vergilij Urbinatis de Prodigijs libri III. Ioachimi Camerarij Paberg. de Ostentis libri II, Basileae: Oporinus 1552. Digitalisat der BSB: http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10172090.html – (1553 erscheint eine zweite, einfachere Ausgabe ohne Holzschnitte). — Enthält:
Julius Obsequens (Mitte des 4. Jhs.) Prodigiorum liber (Der antike Text hier: http://www.thelatinlibrary.com/obsequens.html) – Lycosthenes hat diesen Text augmentiert a Conrado Lycosthene suæ integritati Historiarum beneficio restitutus; so findet sich der erste Abschnitt des antiken Texts bei L. unter Nummer 55.
Vergilius Polydorus (ca. 1470 – 1555), Dialogorum de Prodigiis libri tres. Digitalisat der Ausgabe Basel 1531
Joachim Camerarius (1500 – 1574) de Ostentis, Viteberga 1532. Digitalisat dieser Ausgabe

1557 stellt Lycosthenes seine eigene Sammlung vor (562 Seiten in Kleinfolio):

Prodigiorum ac ostentorum chronicon : quae praeter naturae ordinem, motum, et operationem, et in superioribus et his inferioribus mundi regionibus, ab exordio mundi usque ad haec nostra tempora, acciderunt ..., conscriptum per Conradum Lycosthenem; Basileae, per Henricum Petri 1557

und im gleichen Jahr auf deutsch:

Wunderwerck oder Gottes unergründtliches vorbilden, das er inn seinen gschöpffen allen, so Geystlichen, so leyblichen ... von anbegin der weldt, biß zu unserer diser zeit, erscheynen ... lassen: Alles mit schönen Abbildungen gezierdt ..., durch Johann Herold ... Verteütscht, Basel: Petri,1557

Vergleich der beiden Titel

Digitalisat der lat. Ausgabe durch die BSB: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00087675/image_1

Digitalisat der dt. Ausgabe durch die BSB: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0009/bsb00090910/images/

In der Bayerischen Staatsbibliothek liegt ein handschriftlicher Nachtrag (mit abgezeichneten und auch ausgeschnittenenen und eingeklebten Bildern): Continuatio Chronicorum Lycosthenis de prodigiis et ostentis ab anno 1557 ad nostra usque tempora [i.e. 1677] = Clm 30245

Digitalisat: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00087677-4


Wunder und Naturgesetz in den Theorien der verschiedenen Epochen:

Während Jahrhunderten bestehen zwei Wunderbegriffe nebeneinander: (1) Das Wunder der sich in der Schöpfung bzw. in den Naturgesetzen manifestierenden Gottheit; (2) das Wunder des diese Gesetzmäßigkeit außer Kraft setzenden, persönlich eingreifenden Gottes.

Die Kontroverse zwischen der These, Gott greife nicht mehr in die einmal geschaffene Welt ein, und derjenigen, Gott offenbare seine Gegenwart durch sein ständiges Wirken in der Welt, erlebt um 1715 einen Höhepunkt in einem philosophischen Schriftenstreit zwischen Newton (vertreten durch seinen Schüler Samuel Clarke) und Leibniz. (Zusammenfassung der Wunderdebatte bei Alexandre Koyré: From the Closed World to the Infinite Universe. Baltimore 1957. Dt. Übers.: Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum. Frankfurt/M. 1969 [= stw 320], Kapitel 11: ›Der Gott des Werktages und der Gott des Sabbat‹.)


Typen von Wunderzeichen – Typen von damit Vor-Bedeutetem – Deutungstechniken – Aitiologie

Lange nicht alle extraordinairen Ereignisse werden als Vorzeichen gewertet. Oft berichtet Lycostehenes ganz einfach von ›faits divers‹. – Wo Ereignisse Zeichencharakter haben, muss man deren Stellenwert im Auge haben; zur Erklärung dient am besten Cicero (Tabelle). Einige Ereignisse (z.B. Erdbeben) können entweder Vorzeichen oder damit bedeutetes Unglück sein.

Einteilung der Signa (nach Cicero, »de divinatione«)

 Signa der Götter vor einer Aktion der Menschennachträgliche Missfallenskundgebung der Götter
die Götter melden sich spontan (signa oblativa)  
die Menschen (Priester) befragen die Götter (signa impetatriva)
[im Christentum nicht üblich]
  
  • Typen von Wunderzeichen: ein extra-ordinaires Ereignis (natura fecit saltus)
    • in der heidnischen Antike: besondere Vorkommnisse beim Opfer; Vogelflug
    • Missgeburten (bei Tieren und Menschen); fehlende oder überschüssige gliedmaßen, aus verschiedenen Leibern zusammengesetzt; Menschenfrauen gebären Tiere
    • Zeichen am Himmel: Halo, besondere Regenbogen, Kometen, Blitze, Sonnen-/Mond-Finsternisse u.a.
    • allerlei sonderbare Regen: Korn-, Blut-, Frosch-, Kreuzregen, ›Manna‹
    • Schriften auf Naturdingen (z.B. auf Steinen, Fischen); vom Himmel gefallene Zettel oder Bücher
    • Gespenstererscheinungen (z.B. Totentanz nachts auf dem Friedhof)
    • Wunderbrunnen und dergl.; selbsttätige Gegenstände (.z.B. der grünende Stab Aarons)
    • überlebende Fastende, Scheintote
  • Typen von damit (Vor-)Bedeutetem; meist ein Ereignis der Geschichte
    • politische Wirren und Kriege
    • gewaltsamer Tod eines Herrschers
    • Krankheiten (Pest)
    • Missernten, Hungersnöte, Teuerung
    • (für die Menschen bedeutsame) Katastrophen wie Ueberschwemmungen, Erdbeben
  • Sprachliche Formulierungen zur Vermittlung von Vorzeichen zum damit angedeuteten Ereignis
  • Deutungstechniken (Das Zeichen und das damit Vorhergesagte werden in einen Zusammenhang gebracht, und zwar nicht in einen kausalen, sondern einen semiotischen)
  • Aitiologie (Ursachen für die Übel)
    • Sünde einzelner Menschen oder ganzer Gruppen
    • Gottes unergründlicher Zorn
    • in unserem heutigen Sinne "natürliche" Ursachen

Beglaubigungsstrategien

  • Attribute wie "wahre Abconterfeyung"
  • Datierung und Lokalisierung
  • Nennen von Zeugen
  • Relikte (z.B. aufgelesene Aehren bei Kornregen)
  • Tests mit involvierten Personen
  • u.a.m.

Zusammenhang mit der Mentalität, insbesondere der reformierten Theologie des 16. Jhs.

  • Deus absconditus; Ira Dei im Luthertum
  • Konjunktur des Teufels im 16.Jh.
  • Oekeonomie des Sündenverhaltens in einer Konfession ohne Beicht und ohne Fegefeuer

Quellen des Lycosthenes

  • literarische Quellen
  • Import der Holzschnitte; Wandern der Vorlagen oder gar Holzstöcke von Buch zu Buch!

Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger:

  • Sebastian Brant (1458-1521): Flugblätter des Sebastian Brant, hg. von Paul Heitz. Straßburg 1915.
  • Iulius Obsequens [4.Jh. u.Z.], Julii Obsequentis prodigiorum liber ab urbe condita usque ad Augustum Caesarem.. http://www.thelatinlibrary.com/obsequens.html --- Vgl. http://www.alexthenice.com/obsequens/text/text.html
  • Hiob Fincel (gest. 1582): Wunderzeichen. Warhafftige beschreybung und gründlich verzeichnuß schröcklicher Wunderzeichen und Geschichten; die von dem Jar an 1516 biß auff yetziges Jar 1556 geschehen und ergangen sindt nach der Jarzal durch Jobum Fincelium, Nürnberg: Berg und Neaber, 1556.
  • Caspar Goldwurm (1524-1559), Wunderwerck und Wunderzeichen Buch, Darinne alle fürnemste Göttliche, Geistliche, Himlische, Elementische, Irdische und Teuflische wunderwerck, so sich in solchem allem von anfang der Welt schöpfung biß auff unser jetzige zeit zugetragen und begeben haben, kürtzlich unnd ordentlich verfasset sein. Der gestalt vor nie gedruckt worden, Franckfurt am Main: Zephelius, 1557.
  • Pierre Boaistuau († 1566): Histoires Prodigievses, Extraictes De Plvsieurs fameux Authours, Grecs & Latins, sacrez & Prophanes / Mises en nostre langue par P. Boaistuau, surnommé Launay, natif de Bretagne .... - Et nouuellement augmentées de quatorze Histoires par Claude Teßerant Parisien : auec les poartraicts & figures. - Paris : de Bordeaux, 1568 — Pierre Boaistuau, Histoires prodigieuses. Préface de Gisèle Mathieu-Castellani. - Texte intégral. - Paris [u.a.] : Ed. Slatkine, 1996 (Fleuron 87)
  • Ludwig Lavater (1527-1586), Von Gespänsten, vnghüren, fälen, vnd anderen wunderbare dingen, so merteils wenn die menschen sterben söllend, oder wenn sunst grosse sachen vnnd enderungen vorhanden sind, beschähend, kurtzer vnd einfaltiger bericht / gestelt durch Ludwigen Lauater .... - Getruckt zu Zürych by Christoffel Froschower ..., 1569.
  • Die Wickiana in der Zentralbibliothek. Das sind die Sammlungen des Chorherren Johann Jakob WICK (1522-1588)
  • Ambroise Paré (1510–1590): Les Oevvres de M. Ambroise Paré Conseiller, Et Premier Chirvrgien Dv Roy : Auec les figures & portraicts tant de l'Anatomie que des instruments de Chirurgie, & de plusieurs Monstres ; Le tout diuisé en vingt six liures .... - Paris : Buon, 1575 — Ambroise Paré, Des monstres et prodiges . Éd. critique et commentée par Jean Céard. - Genève : Droz, 1971 (Travaux d'humanisme et renaissance 115)
  • Ulisse Aldrovandi (1522–1605): Vlyssis Aldrovandi Patricii Bononiniensis Monstrorvm Historia. Cvm Paralipomensis Historiæ Omnivm Animalivm Bartholomaeus Ambrosinvs ..., et Horti publici Prefectus Labore, et Studio uolumen composuit. Marcus Antonius Bernia in lucem ed. propriis sumptibus. ... Cum ind. copiosissimo.. - Bononiae : Bernia ; Tebaldinus, 1642 — Ulisse Aldrovandi, Monstrorum Historia , Préface de Jean Céard, Les Belles Lettres - Nino Aragno Editore, Paris - Turin 2002 Aldrovandi HomePage
  • Wundersammlungen, Naturalienkabinette des 16./17. Jhs. > http://www.enzyklopaedie.ch/Kunstkammern/Kunstkammern_Liste.html

weitere Links

Annie Bitbol-Hespériès, »Les Monstres de la Renaissance à l'âge classique«. Un livre-exposition virtuel présenté par la Bibliothèque Interuniversitaire de Médecine (Univ. Paris 5) findet sich unter http://www.bium.univ-paris5.fr/monstres/debut2.htm (zuletzt besucht am 2.10.2010)

Michaela Hammerl, Prodigienliteratur. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5523/ (zuletzt besucht am 2.10.2010)

allerlei_Hilfsmittel

Bibliographie_Pia_Holenstein

Bibliographie Wunderzeichen

Michaela Hammerl, Bibliographie Flugblätter

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Und hier ist Herr Wolffhart selbst:

aus: Nicolas Reusner, Icones sive imagines virorvm literis illvstrivm, qvorvm fide et doctrina religionis & bonarum literarum studia, nostrâ patrumque memoriâ, in Germaniâ praesertim in integrum sunt restituta. Strassburg 1587.

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