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These 1: Die Vorstellungen vom Wissenserwerb sind landläufig primitiv.

Sie gleichen der Vorstellung, die sich der junge Maler Klecksel (Wilhelm Busch) von der Nahrungsaufnahme macht: Da ist ein Speicher mit Nahrung, und der wird mit einem Durchsatz von soundsoviel Körnchen pro Sekunde in den Bauch eingefüllt.

Genau so beim Wissen: Es gibt Speicher (auf tausenden von Seiten auf säurefreiem Papier in Enzyklopädien oder in Terabytes auf Servern). Und die ruft ein Wissenshungriger ab und füllt dann das Wissen in sein Hirn.

Der Nürnberger Trichter (Bild auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Nürnberger_Trichter) ist ein unsinniges Modell. — Das Bild fehlt jetzt in der Wikipedia; auf der entsprechenden Diskussionsseite hat jemand festestellt, der Lehrer habe antisemitische Züge.

Das in der Software-Industrie für die Such-Logik verwendete Wort »to retrieve« meint ursprünglich das Apportieren im Hundesport. Frage: Was findet Rex? Doch immer nur das Holz, das Herrchen geworfen hat, oder?

(Bild aus einem Lehrgang der Hundeschule Hans Schlegel CH-4346 Gansingen)

Es scheint ein hypostasierter Begriff von Information/Wissen vorzuliegen (ein Fall von ›Reifikation‹). Ferner zeigen Forschungen der pädagogischen Psychologie und der Kognitionspsychologie, dass der Erwerb von Wissen ein sehr komplexer Vorgang ist.

Wir gehen immer wieder von der falschen Annahme aus, die Hirne (allenfalls auch Seelen) unserer Educandi seien leere Wachstafeln, in welche die Lehrer das Wissen ’reinschreiben:

(Quelle: http://www.adfontes.unizh.ch/)

… der Geist ist der Möglichkeit nach die denkbaren Dinge, aber der Wirklichkeit nach keines, bevor er es denkt. Dies muß so sein wie auf einer Schreibtafel, auf der faktisch noch nichts geschrieben ist. — Aristoteles, »de anima« III,14 (429b)

Intellectus humanus […] est in potentia respectu intelligibilium, et in principio est "sicut tabula rasa, in qua nihil est scriptum”, ut Philosophus dicit. — Thomas von Aquin, Summa, I, lxxix, 2: Utrum intellectus sit potentia passiva

Let us then suppose the mind to be, as we say, white paper, void of all characters, without any ideas: — How comes it to be furnished? Whence comes it by that vast store which the busy and boundless fancy of man has painted on it with an almost endless variety? Whence has it all the MATERIALS of reason and knowledge? To this I answer, in one word, from EXPERIENCE. In that all our knowledge is founded; and from that it ultimately derives itself. John Locke, An Essay Concerning Humane Understanding, London 1690; Book II, Chapter i, ¶ 2.

Das ist genau so falsch. Vgl. dazu Steven Pinker: The Blank Slate. The Modern Denial of Human Nature. Penguin Putnam 2002. – Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur, Berlin 2003


These 2: Die Schere zwischen (Pseudo-)Angebot und Unfähigkeit, es nutzen zu können, öffnet sich immer weiter.

Dabei gäbe es allüberall Ansätze zur Reflexion: Pädagogik, Linguistik, Kognitionspsychologie, Wissenschaftsgeschichte, Bibliothekstechnik u.a. stellen ein Arsenal von Einsichten bereit. Insbesondere bei Fragen des Umgangs mit Wissen aus dem WWW stecken die pädagogische Psychologie und die Didaktik noch in den Kinderschuhen. Hier wollen wir ansetzen.


Folgen für die User

Wenn ich am Computer sitze und etwas suche, dann gerate ich oft in den Spagat: einerseits finde ich überhaupt nichts Gescheites – anderseits gibt es offenbar tausende Leute, die diesen Gedanken schon vor mir einmal gehabt haben. (Das ist nicht ganz neu: Auch wenn man durchs Freihandmagazin einer Bibliothek irrt, kommt dieses Gefühl auf.)

Wenn ich in einer Enzyklopädie blättere: Den Artikel über Neutrinos verstehe ich nicht, ich bräuchte dazu viel Expertenwissen – aber die ETH-Studentin wird sich für die Prüfung in Atomphysik nicht mit diesem Artikel vorbereiten, den sie sicherlich verstehen würde. Also: Wem nützt dann das gespeicherte Wissen?

Der Ort der Reflexion über Wissen, Wissenspeicherung, Wissenserwerb …: die Schule

Da sind wir uns doch wohl einig: Vor allem am Gymnasium und an der Hochschule ist der Ort, wo darüber nachgedacht werden muss.

Welche didaktischen Instumente kennen oder entwickeln wir, um bei uns selbst und bei den Jugendlichen einen reflektierten Umgang mit Wissen anzuregen? Bevor wir uns speziell mit dem Umgang mit dem WWW als Wissensspeicher befassen, müssen deshalb einige generelle hermeneutische Fragen gestellt werden.

  1. Wann kommen wir überhaupt in die Situation, etwas wissen zu wollen? (Von trivialen Fahrplanauskünften abgesehen.)
  2. Wie funktioniert eigentlich Fragen?
  3. Wie können wir überhaupt Neues erkennen?
  4. Wie wird Fremdes einverleibt?
  5. Worauf gründet sich die Gewissheit, etwas sei gutes (glaubwürdiges, nützliches, …) Wissen? Bzw. der Zweifel, dies sei nicht der Fall?

So einfach ist es jedenfalls nicht, wie es der Werbeprospekt uns weismacht:

Page last modified on August 06, 2010, at 05:39 PM