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»Das Problem beim Lernen sind die Fragen. Mit den Fragen beginnt das Verstehen. Und Fragen kann man nicht vermitteln, man kann sie weder lehren noch lernen. Fragen kann man sich, genau genommen, nicht einmal stellen; sie stellen sich ein. Erst wenn sich einem eine Frage wirklich stellt, versteht man sie.« (Gallin / Ruf, S. 37)

Was tun wir eigentlich, wenn wir eine Enzyklopädie konsultieren? Welchen Regeln folgen wir, wenn wir etwas ins Eingabefeld einer Suchmaschine eintippen? Was geht diesem Konsultationsvorgang voraus? Durch welche unbedachten Vorgaben wird er gelenkt?


Übersicht:



Der Anlass von Fragen

Strukturen von Fragen

Enge und weite Fragen

Fragen sind Scheuklappen

Das Umfeld der Frage

Literaturhinweise


Der Anlass von Fragen

Am anfang jedes Konsultationsvorgangs steht eine Frage. (Wir sehen im folgenden von trivialen Fällen ab wie z.B. Fahrplanauskünften, der Eruierung des Geburtsdatums von Goethe, des Erddurchmessers in Kilometer.)

»Dies ist die charakteristische Erfahrung des Weisheit liebenden Mannes, das Staunen. Es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.« (Plato, »Theaitetos« 155d).

»Weil sie sich wunderten, haben die Menschen zu philosophieren begonnen; sie wunderten sich anfangs über das Unerklärliche, das ihnen entgegentrat.« (Aristoteles, »Metaphysik« A2 982b).

»Allenthalben treffen wir auf etwas, das zu selbstverständlich ist, als dass wir uns bemühen müssten, es zu verstehen. Was sie miteinander erleben, scheint den Menschen das gegebene menschliche Erleben. Das Kind, lebend in der Welt der Greise, lernt, wie es dort zugeht. Wie die Dinge eben laufen, so werden sie ihm geläufig. [...] Damit all dies viele Gegebene ihm als ebensoviel Zweifelhaftes erscheinen könnte, müsste er jenen fremden Blick entwickeln, mit dem der große Galilei einen ins Pendeln gekommenen Kronleuchter betrachtete. Den verwunderten diese Schwingungen, als hätte er sie so nicht erwartet und verstünde es nicht von ihnen, wodurch er dann auf die Gesetzmäßigkeiten kam. Diesen Blick, so schwierig wie produktiv, muss das Theater mit seinen Abbildungen des menschlichen Zusammenlebens provozieren. Es muss sein Publikum wundern machen, und dies geschieht vermittels einer Technik der Verfremdungen des Vertrauten.« (Bert Brecht, »Kleines Organon für das Theater«, Abschnitt 44)

Um handlungsfähig zu sein, leben wir in einer Wolke von Selbstverständlichkeiten, die das Erkennen, Fühlen, Planen antizipierend steuern. Wir können gar nicht jedes Mal alles Bedenkenswerte betrachten und erwägen. Die Meinung (in der griech. Philosophie: doxa) ist das, was das Fragen niederhält. Das hat oekonomische Vorteile wie epistemologische Nachteile.

Wie können wir merken, dass wir etwas nicht wissen? Was zerbricht das Gehäuse der Fraglosigkeit? – Auslöser sind Widersprüche, Inkompatibilitäten innerhalb eines Zusammenhangs, Ungenügen von Erklärungen für bestimmte Beobachtungen, Querschläger in Systemen, die unseren Sinn für Systematik belästigen. Sie treten auf, wenn etwas nicht routinemäßig funktioniert, wenn ich nicht zugangekomme mit meiner Welt oder schärfer in einer fremden Welt (deshalb war das Zeitalter der Entdeckungen wohl so fruchtbar an neuen Fragen).

Es ist eine hohe Leistung, auch ohne durch eine Irritation belästigt zu werden, Kronleuchter-Fragen zu stellen.

In der Schule wird die Situation des Nichtwissens künstlich evoziert. Damit wird möglicherweise das spontane Staunenkönnen ab-dressiert.

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Strukturen von Fragen

Die formallogische Struktur des Problems beschreibt Descartes in der 13. Regel zur Leitung des Geistes. Etwas ist unbekannt; dieses Unbekannte ist durch bestimmte Bedingungen – durch andere, bekannte Dinge – bezeichnet. Bei der Problemlösung muss der Suchraum hinlänglich, aber nicht zu eng eingeschränkt sein. Er empfiehlt, auch über die einzelnen bekannten Bedingungen nachzudenken, die ggf. Hinweise auf die Löungen enthalten.

Der späte Wittgenstein sieht die Sache so: »Ein philosophisches Problem hat die Form: ›Ich kenne mich nicht aus‹.« (Philosophische Untersuchungen § 123). Wir können das Bild weiterentwickeln: Wer sich nicht auskennt, ist unterwegs. Er kennt entweder ein Ziel, oder dann geht er spazieren und möchte wieder nachhause. Um weiter zu kommen, muss er den eigenen Standort bestimmen können; er braucht Triangulationspunkte, so dass er eine Landkarte benutzen kann. Das Bild wäre auf unser Thema des Fragens zu übertragen.

Betrachten wir die logisch-grammatische Gestalt von Fragen, so können wir eine Differenzierung vornehmen – und evtl. auch das Fragen-Stellen trainieren.

W-Fragen: Wer, was, wann, wo, warum, wozu, womit. Der Katalog lässt sich erweitern: Frage nach Symptomen, Voraussetzungen.
Anmerkung: Topoi. So ging die antike Topik vor. Topos bedeutet ursprünglich ›Fundort‹, und zwar in metaphorischem Sinne bei der Schatzsuche im Gedächtnis, das man sich als Raum oder Landschaft vorstellt; dann meint Topos auch: Hinweis auf einen solchen Ort, Suchtip, Wink. Die Topoi dienen dem Redner, einschlägige Argumente, von der Gegenpartei ebenfalls anerkannte Prämissen zu finden; insofern sind sie Werkzeuge einer problemlösenden Methode. Es gibt bequeme Topos-Kataloge, Frageraster wie den alte Merkvers-Hexameter quis, quid, ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo, quando.
ob-Fragen: z.B. »Ob Oswald der Mörder Kennedys war?« provozieren eine Argumentation.
Ist das wirklich so?-Fragen formulieren den Zweifel an einer Meinung.
Bei den Funktionen von Fragen wäre zu unterscheiden: katechetisches Abfragen vs. echte Fragen; Fragen, die als ›Antwort‹ nicht eine Auskunft, sondern einen Ratschlag erheischen.

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Enge und weite Fragen; offenes Fragen

Der Such-Raum kann verschieden groß sein. Das Gesuchte kann konturiert oder quallig-schwabbelig sein. Für jeden Fall ist abzuklären: Wie lassen sich Fragen dieses Typs behandeln? Es lassen sich Typen unterscheiden.

1. Typ: Sehr enge Fragestellungen gibt es im elementaren Mathematikunterricht. Gegeben ist. Gesucht ist – ein Wert, den es sicher gibt, und der im Lösungsheft steht. Trainiert werden die Techniken der Umformung, so dass die Unbekannte x in die Enge getrieben wird und sich letzten Endes mit der ›Mitternachts-Formel‹ ausrechnen lässt.

Ähnlich gelagert ist das Erfragen einer unbekannten Wortbedeutung oder eines unbekannten Sachverhalts, wobei die Suchfrage unmittelbar auf ein Lemma der Datenbank (Enzyklopädie, Katalog einer Bibliothek) passt. – Beispiele: Was haben die Semipelagianer behauptet? Was sind Kalmücken? usw. Auch das ist nicht immer trivial, z.B. gibt es bei der Frage Wann hat der arabische Mystiker Ibn Arabi gelebt? zwei Datierungen. Bei der Frage Wann lebte Scipio? muss man etwa 20 Homonyme unterscheiden.

2. Typ: Fragen mit einem Feld bekannter Anschlussbegriffe und einer offenen Stelle, für die es in der Datenbank (Enzyklopädie, Katalog einer Bibliothek) keinen direkten Anknüpfungsstyp gibt. (Man könnte von Köder-Angelhaken-Technik sprechen.)

Beispiel: Wer war der Designer der Freiheitsstatue?

›Köder‹: Aufgrund unseres Weltwissen können wir eine Suchstrategie entwickeln: Wir nehmen an, es gebe jemanden mit dem Namen N.N., der dieses Werk ersonnen habe (bei mittelalterlichen Skulpturen bringt diese Annahme meistens keine Resultate); wir kennen das Produkt des gesuchten N.N.: Freiheitsstatue; wir kannen wohl den Standort New York; daraus entwickeln Schlaumeier, dass man über die englischen Wörter liberty, statue suchen könnte; Gewitzte erinnern sich an Prospektmaterial und steigen bei Reisebüros ein...
›Haken‹: N.N.
Die Volltextsuche im Internet erlaubt hier einen narrensicheren Erfolg. Die Wikipedia hat angebissen: N.N. = Frédéric Auguste Bartholdi. – Wenn man das gewusst hätte [!], hätte man in Meyers Großem Konversationslexikon, 6. Aufl, 1908 unter seinem Eintrag auch gefunden, dass er die »als Leuchtturm dienende Statue der Freiheitsgöttin am Eingang des Hafens von New York, die am 28. Okt.1886 eingeweiht wurde« geschaffen habe; beim Eintrag New York steht nichts davon. Gleicher Befund im Brockhaus, 17. Aufl. 1967.

Einsicht: Je mehr Köder ich an den Haken stecke, d.h. relevantes Hintergrunds–wissen ich habe, desto besser wird der Sucherfolg. Und es gilt Luthers Wort, man müsse »großen vorrath an worten han« (Synonyme kennen, auch in anderen Sprachen).

Anmerkung: Die Frage nach dem Entwerfer der Freiheitsstatue setzt voraus, dass irgendjemand die Antwort weiss. Sie unterscheidet sich oberflächlich nicht von einer Frage wie: ›Wer ist der Einbrecher in der Villa am Meisenweg 53?‹ Bei Herrn Bartholdi handelt es sich nur einen Transfer von bereits Gewusstem aus einer Datenbank in mein Gehirn (re-trieval); die Kenntnis der Täterschaft vom Meisenweg 53 wäre ein echter Wissensgewinn.

3. Typ: Offene Fragen: Es wird eine Struktur gesucht oder etwas Nicht-Sprachliches wie ein Bild oder eine Melodie

Beispiel: Bild

(Quelle: http://www.superballo.it/museo/ballo/22.html )

Beispiel Melodie: http://www.ingeb.org/Lieder/ichhortb.mid

(Quelle: http://www.ingeb.org/Volksong.html )

Hier versagt eine einfache ›Abfrage von Wissensspeichern‹, in denen die Wissenselemente nur in sprachlicher Form, als Texte abgelegt sind, auch bei Volltextsuche. Zugriff über systematische (taxonomische) Ordnungen sind ebenfalls schwierig. Man muss viel Sachwissen haben, um zu erahnen, welche Felder fundträchtig sind. Oft lässt man sich von vagen Assoziationen leiten und findet man das Gesuchte über Umwege. Hier beweist sich die gute Nase des Experten.

Das schrieben wir 2009. Inzwischen sind wir klüger.

Der »Dictionary of Musical Themes« von Harold Barlow und Sam Morgenstern (New York 1948) enthält einen Theme Finder, mit dem man Melodien identifizieren kann, die man im Kopf hat. – Denys Parsons entwickelte für sein »Directories of Tunes and Themes« (1975) eine noch einfachere Technik: http://en.wikipedia.org/wiki/Parsons_codehttp://www.themefinder.org/ – Und jetzt gibt die App SHAZAM, mit der ein Smartphone, vor den Lautsprecher gehalten, die Melodie identifiziert. (Hinweise von Eva Martina Hanke)

Google-Bildsuche hat mit http://images.google.com/ seit Mitte 2011 ein revolutionäres Tool bereitgestellt: searchbyimage. Damit kann man Bilder identifizieren lassen. Erstaunlicherweise funktioniert dies sogar bei barocken Zeichnungen u.dgl. mit hoher Treffsicherheit.

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Fragen sind Scheuklappen. Präsuppositionen in Fragen

Nehmen wir als Probe-Problem: Worin besteht der Erreger der Malaria? Mit der Fragestellung wird bereits vorausgesetzt (präsupponiert): Es gibt ein stabiles und erkennbares Symptom: die Malaria. Und als Leitidee wird impliziert das Modell einer Invasion des Gesunden Körpers durch feindliche Eindringlinge. Beide scheinbar gegebenen Größen können in die Irre führen. Auf der anderen Seite ist (wenigstens unserer heutigen Auffassung nach) das Staunen und Fragenstellen besser als diffuses Unbefriedigtsein.

Jede banale Frage enthält im Kern notwendigerweise Präsuppositionen. Wenn ich einen Passanten frage: »Wo liegt der Bahnhof?«, dann ist gesetzt: ich bin fremd hier (möchte den Mitmenschen nicht testen); als Fremder darf man Passanten nach öffentlichen Gebäuden fragen; es wird das Script der Weg-Auskunft aufgerufen; Antworten wie etwa »Es ist jetzt 10 Uhr 30.“ sind suspekt, bedürfen der tieferen Interpretation. (Der Angefragte möchte vielleicht sagen: »Wenn sie den Zug noch erwischen möchten, sit es ohnehin zu spät.‹).

Der Fortschritt der Wissenschaft besteht möglicherweise weniger darin, dass bessere Antworten auf Fragen gefunden werden, als darin, dass die alten Fragen als irreführend ent-deckt und bessere Fragen entwickelt werden.

Die großen weiterbringenden Denkleistungen waren Problemlösungen, die durch den neuartigen Bezug eines Schemas auf ein Problem, durch ›Umstrukturieren‹ zustande kamen. Wie kann das mit ad hoc abgerufenem Lexikonwissen geschehen?

Die allen Wissensfortschritt beflügelnde Neugierde muss vom Benutzer vorgeleistet werden, sie wird im besten Fall befriedigt, aber nicht angestachelt.

Das Lexikon, gerade das benutzerfreundliche, führt zum Abhandenkommen kreativer Fähigkeiten beim blossen User. Er muss Probleme nicht mehr ausformulieren, sondern blättert bzw. klickt sich im trial-and-error-Verfahren durch die Datenbank, bis er irgend etwas Brauchbares findet.

Allein schon die Lemmatisierung in einer Einzelsprache blendet aus.

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Das Umfeld ist ebenso bedeutsam wie die Frage selbst

Eine Frage basiert immer schon auf einem bereits vorhandenen Wissens-Horizont; sie steht in einem ›Diskurs, Referenzrahmen‹, im Kontext von Erwartungen, unterliegt einem Interesse, ›need‹.

»Vorverständnis« (oder auch, etwas missverständlich »Vorurteil«) ist eine wichtige Größe in der Hermeneutik von Hans Georg GADAMER (1900–2002, »Wahrheit und Methode« 1960); in der heutigen sog. ›kulturanthropologischen‹ Szene spricht man etwas schlabbrig gerne von »Diskurs«. Gemeint ist in groben Zügen: Unser Erkennen, Deuten, Denken, Fühlen, Handeln, Machtausüben basiert immer schon auf sozialen Vorgaben. Das erkennende, denkende usw. Subjekt ist nicht ›Herr des Sinns‹, sondern es wird gleichsam aus dem Hintergrund gesteuert durch ein Ensemble von Mustern, das für ein Kollektiv prägend ist. Nach Philosophen wie Nietzsche, Gadamer und Sozialwissenschaftlern wie Foucault, Bourdieu u.a. ist das Bewusstmachen der eigenen Vorurteilsstruktur (›Dekonstruktion‹) ein zentrales Element der Aufklärung. (Bei den erwähnten Mustern (Patterns) lassen sich verschiedene Kategorien unterscheiden, was hier aber nicht ausgefürht werden soll.)

Solche uns vorausliegende Muster

ermöglichen überhaupt unser/e Erkenntnis, Denken, Fühlen, Handeln, Deuten
schränken es auch ein, verstellen den Blick.

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Literaturhinweise

pdf-File von P.Michel zum Thema Fragen

Hans Aebli, Denken: Das Ordnen des Tuns, 2 Bde., Stuttgart: Klett/Cotta 1980/81.

Dietrich Dörner, Problemlösen als Informationsverarbeitung, Stuttgart: Kohlhammer 2. Aufl. 1979.

Aron Ronald Bodenheimer, Warum? Von der Obszönität des Fragens, (Reclams UB 8010), 2. Auflage Stuttgart 1985.

Peter Gallin / Urs Ruf, Dialogisches Lernen in Sprache und Mathematik, Seelze-Velber: Kallmeyer, 1999.

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Update 8.7.11 pm

Page last modified on July 08, 2011, at 12:42 PM