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Wie sucht man einen ›Wissensspeicher‹ ab?

Wir untersuchen hier nicht relativ triviale Suchabfragen wie z.B. Fahrplanauskünfte oder Lebensdaten berühmter Personen.

Eine Suchabfrage ist kein linear-systematisch fortschreitendes Verfahren, sie gleicht eher dem Kreuzworträtsellösen. Aufgrund von Suchergebnissen kann ich die Frage präzisieren, das Suchziel justieren, komme auf Ideen, wo man auch suchen könnte, sehe ein, dass meine Ausgangsfrage falsch gestellt war usw.

Bei all diesen Zwischenschritten laufen im Hintergrund unseres Bewusstseins immer dieselben wichtigen Prozesse ab: Wir rastern (auf der Basis von bereits Gewusstem!) Texte auf Brauchbares ab, wir bewerten (auf der Basis von bereits Gewusstem!) Dokumente, wir stellen (auf der Basis von bereits Gewusstem!) neue Fragen.

»Dans les champs de l’observation, le hazard ne favorise que les esprits préparés.« (Louis Pasteur, 1822–1895)

(A) Fragen gescheit stellen

  • Die Fragestellung ausloten: Welche Informationen, die ich ja eigentlich bereits kenne, sind in der Fragestellung impliziert?
  • Merken, um was für einen Typ von Frage es sich handelt: enge oder weite Frage?
    • enge: »Was sind Kalmücken?« – in Lexika und erst recht mit der Volltextsuche im Internet leicht zu finden.
    • weite: Es wird eine Struktur gesucht oder etwas Nicht-Sprachliches – erfordert Expertenwissen oder hürdenreiches Sich-Herantasten.
  • Bedenken, dass Fragen Scheuklappen sind, die uns den Blick leiten und zum Teil verstellen!
  • Sich zuerst kundig machen und erst dann recherchieren. Das verbessert die Recherche wie auch die Beurteilung der Resultate.

(B) Nicht in die ›Lemmafalle‹ tappen!

Wenn wir eine Enzyklopädie nur nach einem bestimmten Lemma (d.h. das [i.d.R. alphabetisch eingereihte] Stichwort, an dem der Artikel angebunden ist) abfragen, so können uns Aussagen entwischen, die durchaus enthalten sind, aber unter anderen Lemmata abgespeichert wurden.

Bspe.: Warum findet man in Texten des 19. Jhs. das Wort Schizophrenie nicht? Weil der Psychiater Eugen Bleuler den Begriff erst 1908 prägte. – In der 242 Bände dicken »Oeconomischen Enzyklopädie« von Krünitz (1773–1858) gibt es keinen Artikel über Kinderarbeit; aber bei einzelnen Artikeln über die Herstellung von Produkten wird sie immer wieder erwähnt.

(C) Den Suchraum erweitern und wieder einschränken

  • Alle in der Fragestellung steckenden Informationen ausbeuten!
  • Das Umfeld, den Weltausschnitt des Gesuchten sich präsent machen.
  • Zur Erweiterung des Suchraums dient der Beizug von: Synonymen – Antonymen – Hyper- und Hyponymen – Meronymen.
  • Nicht nur im muttersprachlichen Raum suchen.
Bsp.: Über CO2 findet man auf dem écran des ordinateur weitere sites web unter dioxyde de carbone.
  • Das sprachliche Register wechseln!
Bsp.: Statt nur unter Selbstmord auch unter Suizid suchen; statt unter Butterblume unter Ranunculus acer.
  • Gegenmittel = Einengung des Suchraums: Die Frage kann aufgrund von zusätzlichen Informationen, die in den gefundenen Ergebnissen stecken, präzisiert werden.

(D) Nicht wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf die Schlange starren

  • Wenns klemmt: die Strategie wechseln!

(E) Sich Rechenschaft geben, wie der Speicher organisiert ist, in dem man sucht!

  • Die bequemste Suche geschieht mittels Volltextabfragen bei Google, Bing usw. Oft wird dabei vergessen, dass man auch deziert Schnitt- und Vereinigungsmengen bilden kann, z.B. mit http://www.google.com/advanced_search
  • Es gibt (auch wenn Google das bei sich abgestellt hat) immer noch taxonomische Speicher, die für offene Suchabfragen empfehlenswert sind, Beispiele:
    http://www.dmoz.org/ - verweist auf Websites
    http://titan.bsz-bw.de/bibscout - verweist auf Bücher (Monographien)
  • Es gibt Daten, die mit Suchrobotern wie Google, Bing usw. nicht erreicht werden, zum Beispiel Bibliothekskataloge, Verzeichnisse von wissenschaftlichen Zeitschriften (›Deep Web‹, auch ›Hidden Web‹ oder ›Invisible Web‹). »Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Gockelweisheit sich träumt, Horatio.«
  • Also: nicht nur mittels Wörtern in einer Papier-Enzyklopädie oder mit einem Suchroboter suchen, sondern Bibliotheksdienste u.a.m. zu Hilfe nehmen!

(F) Die Funde beurteilen: richtig? relevant? punkto Niveau angemessen?

(G) Nachfassen, ad fontes!

  • Man darf sich nicht schnellfertig von Funden begnügen. Oft findet man brauchbare Hinweise, bei denen die Herkunft des Wissens nicht angegeben ist. Das mag für den Hausgebrauch genügen, wissenschaftliche Recherche besteht darin, dass man fragt: ›Woher weisst er/sei das?‹. Es gilt, weiterzugraben, bis man zur Quelle gelangt. Die Hinweise der ersten schnellen Treffer liefern Suchwörter für eine präzisere Recherche.

Anregung für ein Experiment, das aufzeigt, was bei einer Recherche abläuft

Uns selbst beim Recherchieren über die Schulter zuschauen, ist schwierig. Man kann aber nach einer Recherche die ›History‹ bzw. ›Chronik‹ im Browser öffnen und ihr entlang zu rekonstruieren versuchen, was man bei den einzelnen Entscheiden gedacht hat, warum man wo weitergesucht hat, weshalb man etwas verworfen hat usw. — Besser geht es so:

  • Zwei Personen sitzen an einem Computer und diskutieren über das Vorgehen bei der Recherche und führen diese schrittweise durch. (Dabei können sie nicht ihren innerlichen, stumm bleibenden Impulsen folgen, sondern müssen sich verlautbaren.)
  • Ein/e Protokollant/in kann so stichwortartig notieren, wie der Recherche-Prozess abläuft.

Hinweise für die Protokollanten:

  • (a) Werden in der Such-Aufgabe implizierten Informationen ausgeschöpft?
  • (b) Welches Vorwissen wird aktualisiert?
  • (c) Welche Suchwörter werden in die Eingabezeile der Suchmaschine eingegeben? Versucht jemand, mit »erweiterter Suche« vorzugehen? Versucht jemand auch, in einer anderen als der Muttersprache zu suchen?
  • (d) Hat jemand die Idee, nicht nur mit Yahoo!, http://clusty.com/, Bind, Google, Wikipedia zu suchen? Welche Datenspeicher werden angezapft?
  • (e) Beobachten Sie einen ›Nachfass-Prozess‹: Eine Suchabfrage ergibt en passant bisher unbekannte Kenntnisse, die ihrerseits wieder zielführend für eine neue Abfrage werden.
  • (f) Welche Diskussionen entstehen im Zusammenhang der Beurteilung einer Website? Welche Kriterien lassen sich ausmachen? (Layout, Sprache, Überprüfung aufgrund von bekanntem Wissen usw.)


Übungsaufgaben für Recherchen

26.2.09 pm&tz; 26.8.12 pm


Page last modified on September 01, 2012, at 07:38 PM