Standreden

«Die Obrigkeit trägt das Schwert nicht umsonst,
sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe für den, der Böses thut.»


Die Hinrichtungspraxis von der frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert gibt Einblick in die enge Verflechtung von weltlichen Rechtsvorstellungen und der christlichen Lehre. Neben Abschreckung und Vergeltung ging es immer auch um die Erlösung des Sünders nach dem Tod. Zu diesem Zweck wurde den Delinquenten zwischen Verhaftung und Todesstrafe ein geistlicher Beistand gewährt. Einen Teil dieses Begleitungsprozesses bildeten sogenannte Standreden. Standreden waren an Zuschauer gerichtete Predigten, die meist unmittelbar nach der Hinrichtung am Richtplatz oder in der Kirche gehalten wurden.

Prof. em. Dr. Urs Herzog (1942–2015) war Professor für Deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700 an der Universität Zürich. Seine wissenschaftliche Arbeit fußte auf einer außerordentlichen Belesenheit nicht nur auf dem Gebiet der gesamten deutschen Literatur, sondern auch der Antike sowie der Theologie und der Literaturtheoretiker der Moderne. Während er im Unterricht die ganze Breite des Faches vom Mittelalter bis um 1700 vertrat, fokussierte er seine Forschungen vor allem auf die frühe Neuzeit. Er interpretierte Werke der neulateinischen Literatur: Dramen von Jakob Gretser und das Oden-Werk von Jacob Balde. Seine Studien zum deutschen Roman des 17. Jahrhunderts und zur deutschen Barocklyrik sind weit mehr als Einführungen. Hervorragend ist das Werk über die Barockpredigt, in dem er die weitgehend in Vergessenheit geratene katholische Kanzelberedsamkeit der Barockzeit aufgrund umfangreicher Quellenstudien hinsichtlich ihrer rhetorischen Gestaltungen und Spiritualität in ihren liturgischen und sozialen Kontexten darstellte. Über sein Lehrgebiet hinaus beschäftigte er sich mit moderner Literatur, besonders mit den Dramoletten Robert Walsers. In Zeitungsaufsätzen vermittelte er seine Erkenntnisse einem breiten Publikum. Als engagierter akademischer Lehrer wurde er von den Studierenden sehr geschätzt.

Urs Herzog hat während vieler Jahre nach seiner Emeritierung intensiv an einem Projekt zur kaum erforschten Quellengattung der Standrede gearbeitet. Im Rahmen seiner Forschung hat er Quellen zum ganzen Kontext der schweizerischen Urteils- und Hinrichtungspraxis vom 16.–19. Jahrhundert gesammelt: Er interessierte sich unter anderem für das strafrechtliche Umfeld, Gefangenenseelesorge, Moraltheologie und die psychische Verfassung der Verurteilten. Die von Urs Herzog geleistete Arbeit soll mit dieser Website für weiterführende Forschung zugänglich gemacht werden.

Lebenslauf und Publikationsliste von Urs Herzog auf der Homepage des Deutschen Seminars der Universität Zürich.


In Standreden spiegelt sich die zeitgenössische Deutung von Kriminalität, von Strafgewalt und auch von Körperlichkeit und Tod sehr plastisch wider. Damit wird es insbesondere auch möglich, die Deutungen von angewandter rechtlicher Normativität jenseits der Diskurse von Gerichten und Gelehrten in den Blick zu bekommen. Die Erschliessung solcher Wahrnehmungshorizonte von Recht in Anwendung ist dazu geeignet, ein wichtiges Pendant zu den vielfältigen Bemühungen um die Aufarbeitung der frühneuzeitlichen Gerichtspraxis zu bieten. Die Texte stellen ausserdem eine literaturwissenschaftlich kaum erschlossene Gattung dar (einen Spezialfall der Homiletik). Interessant ist ferner, welche spirituellen/theologischen Topoi abgerufen werden. Insofern ist das Projekt ein interdisziplinäres.


Bild: Enthauptung der Mörderin Christine Hilpert am 14. Februar 1851 in Ansbach. Zeitgenössische Lithographie.
Zitat aus: Herenäus Haid, Eine kleine Rede an das versammelte Volk nach der Hinrichtung des Andreas Waser durch das Schwert der Gerechtigkeit am 18ten März 1815 zu St. Gallen, St. Gallen: Brentano, 1815, 8°, 16 S.

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