vonSpecht1Laudatio anlässlich der Verleihung der DGA- Ehrenmitgliedschaft an
Prof. Dr. rer. nat. Hellmut von Specht

Hellmut von Specht wurde 1941 in Leipzig geboren.

Nachdem dem Abitur studierte er Physik an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald. Das Physikstudium schloss er 1964 (also im Alter von 23 Jahren) mit dem Diplom ab und war bis 1970 als Assistent am Physikalischen Institut in Greifswald tätig. 1971 erfolgte die Promotion zum Dr.rer.nat. an der Universität Greifswald mit einer experimentellen Dissertation auf dem Gebiet der Gasentladung.

Inzwischen war Hellmut von Specht 1970 von Professor Oeken an die HNO-Klinik der Medizinischen Akademie nach Magdeburg geholt worden, wo er zunächst als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, später dann bis 1992 als Oberassistent tätig war. 1977 wurde von Specht  in Magdeburg habilitiert mit einer Arbeit auf dem Gebiet der „Objektivierung psycho-akustischer Messungen mit langsamen akustisch evozierten Potentialen“. Damit hatte er sich in kurzer Zeit von der Physik der Gasentladung hin zur klinischen und experimentellen Elektrophysiologie spezialisiert. Dies war angesichts der schwierigen Verhältnisse bezüglich der Gerätebeschaffung in der damaligen DDR eine beachtenswerte Leistung – schließlich mussten Messeinrichtungen dieser Art von Grund auf selbst entwickelt und funktionsfähig gehalten werden.

Zwei Faktoren waren wohl für diese Entwicklung maßgeblich: die wohlwollende und wirkungsvolle Förderung durch Professor Oeken und die Faszination, die für Hellmut von Specht von der Möglichkeit ausging, seine Forschungsergebnisse unmittelbar in die tägliche klinische Arbeit einfließen zu lassen.

In den 80er Jahren hat von Specht in Magdeburg eine leistungsfähige Arbeitsgruppe für klinische und experimentelle Audiologie aufgebaut. Mit den daraus hervorgegangenen Arbeiten hat er sich und der Magdeburger Audiologie weithin einen Namen gemacht. Dies wurde ihm unter den gegebenen Umständen nicht einfach gemacht, da er in dem damaligen System parteipolitisch nicht verankert war. Aus dieser Situation entwickelte sich eine echte Magdeburger Spezialität, die wohl einmalig in Deutschland und vielleicht auch darüber hinaus war: nämlich das Modell, die komplette vorklinische Physikausbildung des Medizinstudiums aus der audiologischen Arbeitsgruppe heraus zu bestreiten. So kam es nicht von ungefähr, dass Magdeburg zum audiologischen Standort mit der höchsten Physikerdichte in Deutschland wurde. Diese einmalige Konstellation war sowohl für die klinische Arbeit wie auch für die audiologische Forschung an der Magdeburger Klinik von großem Vorteil, und hat auch dazu beigetragen, dass aus der von Specht´schen Schule zahlreiche Schüler mit naturwissenschaftlicher Promotion hervorgegangen sind und eine Vielzahl medizinischer Doktorarbeiten erfolgreich abgeschlossen werden konnte.

Vielfach unbekannt sind die Verdienste von Hellmut von Specht um das Hörscreening von Neugeborenen mittels Früher Akustisch Evozierter Potenziale. Zusammen mit dem unvergessenen Achim Pethe hat er in den frühen 80er Jahren ein portables BERA-System entwickelt, mit der schon damals ein Hörscreening bei Frühgeborenen durchgeführt wurde - zu einer Zeit, als das Wort "Hörscreening" noch nicht in aller Munde war. Dieses BERA-System war unter den damaligen Bedingungen in der DDR eine technische Meisterleistung und vermutlich die erste mobile Anlage in Deutschland.

Unbedingt erwähnenswert ist auch die wissenschaftliche Kooperation mit den Kollegen aus Tiflis – speziell mit Professor Kevanishvili. Diese Zusammenarbeit wurde bereits in den 70er Jahren begonnen und bis in die Gegenwart fortgeführt. Die erste gelistete Publikation aus dieser Forschungsliaison erschien 1976 in der renommierten Zeitschrift Nature. In den Anfängen wurde die Kooperation dadurch befördert, dass die sowjetischen Akademie-Institute über die neueste EEG-Messtechnik verfügten. Nach der politischen Wende kehrte sich die Interessenlage um, und so konnten die georgischen Kollegen von Forschungsaufenthalten in Magdeburg profitieren.

Angesichts dieser akademischen Karriere war es nur folgerichtig, dass von Specht 1988 die Lehrbefugnis für das Fach Audiologie erhielt und 1989 - im Jahr der politischen Wende - zum Leiter der Abteilung für Experimentelle Audiologie und Medizinische Physik ernannt wurde. 1992 erfolgte dann die Berufung zum Professor für das Gebiet “Experimentelle Audiologie” an der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Damit war sozusagen die zweite Phase der Magdeburger Zeit für Hellmut von Specht angebrochen, die neben der klinischen und wissenschaftlichen Arbeit in starkem Maße nun auch durch hochschulpolitisches Engagement gekennzeichnet war. Von Specht fungierte von 1993-2002 als Senator der Universität Magdeburg und bekleidete von 1994-1996 das Amt des Prorektors für Forschungsangelegenheiten. Selbstverständlich gehörte Hellmut von Specht 1996 zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Audiologie und hatte später verschiedene Vorstandsämter in der ADANO inne.

Damit war Hellmut von Specht bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2006 und darüber hinaus die Galionsfigur der Magdeburger Audiologie. So überrascht es nicht, dass er auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Universitätsdienst noch zahlreiche Ämter und Funktionen inne hat: so fungiert er z.B. seit 2002 als Vorsitzender der Geers-Stiftung, ist Mitglied der Schriftleitung der Zeitschrift für Audiologie und, und, und ….

Kurzum: Hellmut von Specht ist der Audiologie bis auf den heutigen Tag treu geblieben.

Doch es wäre sicher zu kurz gegriffen, nur die audiologischen Facetten von Hellmut von Specht zu würdigen, denn er ist gewiss eine multidimensionale Persönlichkeit: der Natur verbunden (speziell dem Hausgarten im Marsweg), handwerkliches Geschick (oft ausgereizt bis zur Perfektion) und das Interesse an der Familienforschung runden das Bild des Menschen Hellmut von Specht ab. An der Seite seiner Ehefrau Brigitte und eingebettet in seine Familie ist Helmut von Specht vielen Kollegen über die Audiologie hinaus ein lieber Freund geworden.

So bleibt mir abschließend nur eines zu sagen:

Hellmut, Du hast Dich um die Audiologie in Deutschland verdient gemacht und wir hoffen, dass Du der Audiologie auch als DGA-Ehrenmitglied noch lange verbunden bleiben wirst!

Jürgen Kießling

Kiel, 7. März 2008