Jahrespreis 2008 der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät

Johannes Mure

Auf Antrag der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät verleiht die Universität Zürich einen Jahrespreis an Johannes Mure für seine Dissertation «Weiterbildungsfinanzierung und Fluktuation».

Die Dissertation «Weiterbildungsfinanzierung und Fluktuation» liefert erstmalig einen ökonometrischen Test des Lazear’schen Skill-Weights Approach und gewinnt betriebswirtschaftlich bedeutsame Erkenntnisse zur Erklärung unternehmensseitiger Bildungsinvestitionen und arbeitnehmerseitiger Mobilitätsentscheidungen. Die Arbeit ist von hoher wirtschafts- und berufsbildungspolitischer Relevanz.

Beruflicher Weiterbildung kommt nicht nur im Rahmen einer zunehmend globalisierten und einer sich immer schneller verändernden Umwelt eine zentrale Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft zu. Sie wird vielmehr auch im Rahmen des absehbaren demographischen Wandels zunehmend für jedes einzelne Unternehmen wettbewerbsentscheidend. Bei allgemein alternden Belegschaften kann die Erneuerung und Aktualisierung von Qualifikationen nur noch über die Weiterbildung der bereits beschäftigten Arbeitnehmer sichergestellt werden. Betrieblicher Weiterbildung und ihrer Finanzierung wird dabei eine zentrale Rolle zukommen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich Johannes Mure die Frage, wer die Finanzierung dieser Weiterbildungsmaßnahmen übernehmen kann. Dies hängt wiederum eng mit der Frage zusammen, wem unter welchen Bedingungen die Erträge solcher Weiterbildungsmaßnahmen zufallen. Grundsätzlich kommen sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer in Frage, wobei für beide die Investitionen mit spezifischen Unsicherheiten behaftet sind. Investitionen der Arbeitgeber sind insofern gefährdet, als Arbeitnehmer möglicherweise abwandern können, so dass die Erträge in anderen Unternehmen realisiert würden. Umgekehrt sind Investitionen der Arbeitnehmer dadurch gefährdet, dass im Fall einer Entlassung ihre Qualifikationen außerhalb des Unternehmens wertlos sind und sie insofern ebenfalls keine Erträge realisieren könnten. Genau diesen wirtschaftspolitisch wichtigen und theoretisch spannenden Fragen hat sich Johannes Mure in seiner Dissertation angenommen.

Zur Beantwortung dieser Fragestellungen nutzt Johannes Mure mit dem Skill-Weights Approach von Lazear (2004) einen neuen theoretischen Ansatz. Kernidee des Skill-Weights Approach ist es, dass von der Natur der Sache her alle Qualifikationen allgemeiner Natur sind. Firmenspezifität kommt nur dadurch zustande, dass unterschiedliche Unternehmen unterschiedliche Bündel an Qualifikationen benötigen und dass diese Bündel sich mehr oder weniger stark zwischen den Unternehmen unterscheiden können. Dies wiederum hat entsprechende Konsequenzen für die Abwanderungs- und Abwerbungsgefahr qualifizierter Arbeitskräfte und dies wiederum für die Finanzierungsbereitschaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Der Skill-Weights Approach hilft so einerseits die unternehmensseitige Finanzierung von Weiterbildungsmaßnahmen und andererseits die mit Weiterbildung einhergehende Fluktuation der Arbeitnehmer besser zu erklären.

Zur Erklärung des Anteils der unternehmensseitig finanzierten Weiterbildungsmaßnahmen verwendet Johannes Mure die BIBB/IAB-Strukturerhebung 1998/99. Basierend auf den theoretischen Vorhersagen des Skill Weights-Approach und mit Hilfe ökonometrischer Schätzverfahren wird erstens gezeigt, dass immer dann, wenn die Qualifikationsanforderungen an die Arbeitnehmer sehr spezifisch gewichtet sind, die Unternehmen sich stärker an Weiterbildungsmaßnahmen beteiligen (müssen). Zweitens zeigt sich, dass in Branchen mit breit gestreuten Qualifikationsanforderungen Unternehmen ebenfalls größere Anteile an der Weiterbildungsfinanzierung übernehmen, genau wie dies Unternehmen in unsicherer ökonomischer Lage tun müssen. Außerdem können sich Unternehmen auf „fetteren“ Arbeitsmärkten bei der Weiterbildungsfinanzierung eher zurückhalten, wobei in diesem Zusammenhang die regionale Arbeitsmarktlage offensichtlich bedeutsamer zu sein scheint als die branchenspezifische.

Bei der Untersuchung der arbeitnehmerseitigen Mobilität im Zusammenhang mit dem Spezifitätsgrad der Qualifikationen einer Branche wird zum ersten Mal sehr genau und direkt der Unterschied zwischen Branchen- und Berufsmobilität untersucht und getestet, inwieweit diese mit dem Skill-Weights Approach in Übereinstimmung stehen. Auf Basis der BIBB/IAB-Strukturerhebung und des Deutschen Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) wird gezeigt, dass die Spezifität der Branche einen negativen Einfluss sowohl auf die Berufsmobilität als auch auf die Branchenmobilität ausübt. Wenn also in der Erstausbildung ungewöhnliche Qualifikationsbündel vermittelt werden, wird dadurch die spätere Mobilität deutlich eingeschränkt und zwar sowohl die Berufsmobilität wie auch die Branchenmobilität.